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Celle Stadt Celler Altstadt ist reif für "Frischzellenkur"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Altstadt ist reif für "Frischzellenkur"
17:16 16.06.2017
Von Michael Ende
In Celles Hinterhöfen sollen Handwerker künftig nicht nur Altes sanieren, sondern auch Neues schaffen dürfen. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

Masterplan gefordert: Mit den Fragestellungen "Understanding Celle?" und "Zukunft Wohnen" solle Überlegungen nachgegangen werden, was überhaupt eine lebens- und liebenswerte Stadt für ihre Bewohner ausmache und welche bauliche Gestaltung eine Stadt wie Celle zukünftig brauche, so die Celler Architektin Susanne Witt: „Was wir brauchen, ist ein Masterplan für das Bauen im Bestand. Wandel und der Mut zum Umgang mit Gewohntem sind notwendig.“ Andernfalls drohe die Altstadt zum “Museum“ zu werden.

Die Aktiven in der City hätten sich vor Jahren sehr erfolgreich gegen ein Shoppingcenter zur Wehr gesetzt, sagte der Stadtplaner Professor Carl Herwarth von Bittenfeld: „Aber der Celler Handel sollte sich wenigstens einen Teil der Center-Erfolgsstrategien zu eigen machen. Warum gibt es hier zum Beispiel kein kostenloses WLAN?“ Außerdem müsse die Innenstadt baulich weiterentwickelt werden, damit sie noch mehr „Alltagsfunktionen“ übernehmen könne.

Dem stimmte Dettmer-&-Müller-Chef Roger Scherer zu: „Man kann nicht aus jedem Schweinestall aus dem 16. Jahrhundert ein Wohnhaus machen. Das rechnet sich einfach nicht. Man muss sich auch mal von alter Substanz trennen. Man darf nicht nur Altes erhalten wollen, sondern muss auch Raum für Neues schaffen. Wir leiden hier unter jahrelangem Stillstand. Wir sind zurückgegangen, anstatt nach vorne zu gucken.“

Leere "Puppenstuben": Man müsse mit der historischen Bausubstanz, die Celle einzigartig mache, „behutsam umgehen“, hielt Stadtbaurat Ulrich Kinder dagegen. Auch die Stadtplanerin Karin Kellner sagte: „Shoppen allein wird es nicht bringen.“ Es müsste auch Menschen in der Altstadt leben. Scherer dazu: „Wir brauchen keine 300 Häuser mit Puppenstuben, wenn sie nicht benutzt werden. Wir ersticken an unserer Altstadt.“ Kellner: „Teilabrisse von Gebäuden können wie eine Frischzellenkur sein.“ Herwarth von Bittenfeld betonte, dass es einen „Trend zum Wohnen in der Innenstadt“ gebe: „Und zwar, wenn sie kinder- und familienfreundlich ist.“

Frustration: Als die externen Experten sagten, wie wichtig Bürgerbeteiligung bei der Entwicklung neuer Ansätze sei, meinte Witt, dass sie das aus Celle schon zur Genüge kenne: „Bürgerbeteiligung gab es hier immer wieder. Ich würde mich nur noch einmal bei so etwas engagieren, wenn ich wüsste, dass die Ergebnisse nicht wieder in irgendwelchen Schubladen verschwinden.“ Die Stadt müsse sich an die Menschen anpassen – nicht umgekehrt, betonte Witte. "Wenn in den Obergeschossen das Licht ausgeht, dann geht in der ganzen Altstadt das Licht aus", sagte der Stadtplaner Klaus Habermann-Nieße. Die Innenstadt müsse "eine Chance" bekommen – unter anderem, indem man die Belebung der Innenhöfe forciere.

"Flexibel sein": Oberbürgermeister Jörg Nigge sucht selbst ein Haus für seine Familie, die noch immer in Hamburg lebt. Er habe sich gerade erst ein Gebäude in der Altstadt angesehen – und abgewunken: "Dieses alte Fachwerkhaus erfüllt wie so viele andere einfach nicht die Bedingungen für modernes Wohnen", sagte er und kündigte einen Paradigmenwechsel in Sachen Denkmalschutz an. Viel zu lange habe man bau- und sanierungswillige Hausbesitzer mit zum Teil "seltsamen" Vorschriften gegängelt. Das habe Folgen: "Die Lage ist kurz davor umzukippen. Wir müssen flexibel sein und so Bauherren Flexibiltät ermöglichen."

Nur "Liebhaber" könnten sich die Sanierung von Fachwerkhäusern leisten, so Nigge: "Das allein rechnet sich nicht. Wir wollen in Zukunft in Hinterhöfen Neubauten zulassen, um Investitionen in den Vorderhäusern rentabler zu machen." Die Stadt müsse Bauwillige binnen kürzester Zeit zur Baugenehmigung führen und sie nicht mit Auflagen bombardieren. Nigge betonte aber auch, dass man natürlich nicht den gesamten Denkmalschutz über Bord werfen dürfe.

Neue Ideen: Was der neue OB unter Flexibilität versteht, zeigte sich, als er fragte, warum man den Investoren auf der Allerinsel nicht zur Auflage gemacht habe, parallel zu ihren Neubauten auf der Insel jeweils drei Fachwerkhäuser zu sanieren: "Andernorts geht das – warum nicht auch in Celle?" Primus-Developments-Geschäftsführer Achim Nagel, der auf der Allerinsel Wohnneubauten plant, nickte: "Darüber hätte man tatsächlich reden können."

Meinung: Neues schaffen

So ein "richtig schöner Stadtbrand", der habe alten Städten in früheren Jahrhunderten gut getan, weil die Kommunen dann Platz für neue Entwicklungen bekommen hätten, flachste jetzt "Stadtgespräche"-Moderator Nils Ballhausen mit Blick auf die historisch dicht bebaute Celler Altstadt. Die hat zwar auch ihren durch ein Feuer entstandenen Brandplatz, doch gerade der ist derzeit ein Beispiel für einen Ort im Abseits, der dringend neue Impulse bräuchte.

Nachdem sich die Celler gegen ein Center in ihrer Mitte entschieden haben, ist es nun höchste Zeit, den Kunden zu beweisen, dass Celle ein Center wirklich nicht nötig hat. "Sonntags geben die Leute im Internet ihr Geld aus – und sonntags haben wir geschlossen", klagt Geschäftsmann Roger Scherer, der sich zu Recht vor der Konkurrenz im weltweiten Netz fürchtet. Doch er kämpft dagegen an, will investieren.

Scherer steht beispielhaft für einen Celler, der Neues schaffen will. Dass dabei historisches Fachwerk nicht in Schutt und Asche gelegt werden darf, dürfte klar sein. Celle braucht keinen Stadtbrand, sondern zündende Ideen und Menschen, die Feuer und Flamme für Veränderung sind – für Veränderung, die nicht zerstört, sondern Identität neu definiert.