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Celle Stadt Celler Bomann-Museum zeigt Statussymbol bürgerlicher Weiblichkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Bomann-Museum zeigt Statussymbol bürgerlicher Weiblichkeit
15:22 09.06.2017
Handarbeiten wie ein Zigarettenetui (1844), ein Beutel (angefangene Näharbeit, erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) sowie ein Geldstrumpf (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts) sind im Bomann-Museum zu sehen. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
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Aber Handarbeiten gehörten im 19. Jahrhundert auch zum weiblichen Bildungskanon und dienten unterschiedlichen Zwecken. Stopfen, Flicken und Nähen waren Grundfertigkeiten und sollten junge Mädchen Sorgfalt, Fleiß und Sparsamkeit lehren. Die heranwachsenden Mädchen erwarben sich die notwendigen Kenntnisse im ständigen Kontakt mit Nähen, Sticken, Stricken und Häkeln – Kulturtechniken, die seit frühester Zeit den Fortschritt des Menschen begleiten. Die Bemühungen trugen nach damaliger Denkweise zur Ordnung des Lebens bei und wirkten lasterhaftem Müßiggang entgegen. Aber wer handarbeitete, wurde auch ob seiner Geschicklichkeit und Kunstfertigkeit im Umgang mit Nadel und Faden bewundert. Dazu kam die Wertschätzung, die auch als Prestigemerkmal galt. „Höhere Töchter“ lernten darüber hinaus, ihren Sinn für Stil und Geschmack zu formen. Den brauchten sie, um als bürgerliche Gattin ihr Zuhause zu verschönern und geliebte Menschen mit Selbstgemachtem erfreuen zu können. Aber Handarbeiten erwies sich auch (fast) immer als eine beglückende Tätigkeit, und eine handarbeitende Dame des Hauses wusste als ruhender Pol in einer ruhelosen Zeit Behagen und Gemütlichkeit zu verbreiten.

Auch darüber informiert das Bomann-Museum anschaulich in seiner Dauerausstellung. In den Vitrinen zeugen Beispiele der Handarbeitskunst jener Zeit wie ein Armband aus Haargeflecht mit Medaillon, ein kunstvoll besticktes Zigarettenetui oder ein liebevoll gefertigter Geld- oder Tabaksbeutel – typische „Souvenirs“ jener Zeit – von Ideenreichtum und großem Geschick. Vor allem Haar- und Perlarbeiten waren typisch für die Zeit des Biedermeier. Kunstvoll bearbeitete Schmuckstücke aus Haaren – so erfährt man im Museum – waren beliebte Freundschaftsgeschenke mit großer Symbolkraft: Wer Haare verschenkte, gab etwas von sich selbst. Glasperlen und Stickereien hingegen zierten im Biedermeier nahezu jeden Alltagsgegenstand wie die diversen Spitzen- und Häkeldeckchen auf Kommoden, Vitrinen, Beistelltischchen und Sessellehnen in den „guten Stuben“ zeigten. So changierte die Motivation für das Handarbeiten immer ein wenig zwischen Handwerk und schöpferischer Kunst, vor allem dann, wenn kostbare Materialien wie Goldfäden, Edelsteine, Perlen und getriebene Silberplättchen mit einbezogen wurden, um beispielsweise romantische Szenen auf Handtaschen, Brillenetuis oder kleinen Behältern aufzubringen.

Aber auch schon im Barock und Rokoko war der Wunsch nach luxuriöser Ausstattung der Wohnräume schon stark ausgeprägt. Stühle und Sofas, Wandbehänge, Kaminschirme und Betthimmel wurden mit farbigen Woll- und Seidenstickereien auf Stramin oder Leinengrund verziert. Wiesen die Stickmuster jedoch anfänglich noch rokokohafte und klassizistische Züge auf, so gingen sie im Laufe der Zeit mehr und mehr und kontinuierlich in die Vielfalt der biedermeierlichen Motive über. Die zuvor flächig dargestellten Blumengebinde etwa wuchsen zu Blumenkränzen zusammen, die durch ihre Farbschattierung eine große Lebendigkeit erreichten.

Von Rolf-Dieter Diehl