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Celle Stadt Celler Dechant: Messdiener missbraucht?
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Dechant: Messdiener missbraucht?
17:19 09.02.2010
Von Michael Ende
Celle Stadt

An seinem kindlichen Körper „aufgegeilt“ habe sich vor 47 Jahren Celles „lüsterner“ Dechant, so ein heute 58-jähriger Hannoveraner, der behauptet, vom damaligen Oberhaupt der katholischen Kirche in der Herzogstadt sexuell missbraucht worden zu sein. Jetzt, da in den Medien fast täglich über Missbrauchs-Skandale katholischer Geistlicher berichtet werde, habe ihn die eigene, schlimme Vergangenheit eingeholt, berichtet der Mann unter Tränen.

Als knapp fünf Jahre alter Junge sei er von seinen Eltern getrennt und ins Celler St.-Josefstift-Kinderheim gesteckt worden, erinnert sich der Mann. Der Dechant sei sein Vormund geworden. In der nahen St.-Ludwig-Kirche wurde der Steppke Messdiener. Als er etwa elf Jahre alt war, habe sein Martyrium begonnen, erzählt der Mann. Nach der Messe habe der Dechant ihn regelmäßig mit ins Pfarrhaus genommen, wo sich das Kind habe nackt ausziehen müssen. Berührt habe es der Priester dabei nicht. Der Geistliche habe „erregt gestöhnt“, dem Kind hinterher Schokolade und Geld zugesteckt. Als 16-Jähriger kam der Junge in ein anderes Heim, berichtete über seine Erlebnisse in Celle – doch man habe damals nicht dem Jungen, sondern dem Dechanten geglaubt, der die Vorwürfe als Lügen abgetan habe.

Jetzt fordert der heute arbeitslose Hannoveraner Geld von der katholischen Kirche – doch die wolle und könne nichts zahlen, sagt Domkapitular Heinz-Günter Bongartz, der beim Bistum Hildesheim für Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche zuständig ist: „Das käme einem Schuldeingeständnis gleich.“ Man sei den Anschuldigungen des 58-Jährigen nachgegangen, habe mehrmals Zeugen verhört, sich eingehend mit dem Fall beschäftigt, so Bongartz. Doch es habe sich bis auf die Aussage des vermeintlichen Opfers kein Anhaltspunkt gefunden, der für eine Schuld des inzwischen längst verstorbenen Geistlichen gesprochen hätte: „Und in so einem Fall gilt bei uns wie überall die Unschuldsvermutung.“

Die Kirche werde jedem Indiz, das auf sexuellen Missbrauch hindeute, nachgehen, unterstreicht Bongartz: „Wenn jetzt aus Celle jemand etwas sagt, dann ist das für uns wichtig“.

Er habe am Sonntag einen diesbezüglichen Aufruf des Hildesheimer Bischofs Norbert Trelle verlesen, sagt Celles Dechant Andreas Tenerowicz. In dem Schreiben teilt der Bischof mit, dass ihn die jüngst bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch katholische Priester mit „Scham und Empörung“ erfüllten. Damals habe die Kirche Vorwürfe zu wenig ernst genommen; heute müsse man derartige Vorgänge rasch aufklären und weitere verhindern. Tenerowicz: „Dinge, die lange unter der Oberfläche verborgen geblieben sind, sollen nun offen angesprochen werden. Dazu ist jeder aufgefordert, der etwas zu sagen hat.“

Hinweise auf sexuellen Missbrauch nimmt Heinz-Günter Bongartz vom Bistum Hildesheim unter s (05121) 307270 auf. www.bistum-hildesheim.de

Reden hilft

Offen und ehrlich wolle die katholische Kirche mit den immer wieder bekannt werdenden Fällen von Kindesmissbrauch durch ihre Geistlichen umgehen, hat Bischof Norbert Trelle betont. Derlei Erklärungen seitens der Kirchenfürsten gibt es regelmäßig, wenn wieder einmal das hochkocht, was seit Jahrzehnten unterschwellig brodelt. Jetzt hat der Bischof seine Gläubigen ganz ausdrücklich dazu aufgefordert, schlimme und für die meisten Katholiken bisher unaussprechliche Dinge offen zu benennen. Dies sollten auch Celles Katholiken als Chance begreifen. Vor allem jene, die immer wieder hinter vorgehaltener Hand flüstern, sie könnten über diesen oder jenen so allerhand erzählen – so allerhand. Und dann schweigen sie es geheimnisvoll-vielsagend, empören sich, wenn andere es wagen, den Mund aufzumachen. Dabei lädt auch jeder, der Verbrechen verschweigt, schwere Schuld auf sich. Nur Reden hilft. Michael Ende