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Celle Stadt Celler Ehrenamtliche wollen entlastet werden
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Ehrenamtliche wollen entlastet werden
22:00 20.10.2015
Sie stellten sich beim Infoabend den Fragen der Celler: Stadtentwickler Wolfgang Schucht, Leiter am Maschweg Matthias Peters, Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende, Stefan Dannenberg von den Maltesern, Melanie Sekulla vom DRK und Stadtrat Stephan Kassel. Quelle: Alex Sorokin
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Ein bisschen Pegida war am Montagabend auch in Celle. Als in der sächsischen Landeshauptstadt erneut 15.000 Menschen zur Pegida-Kundgebung strömten, machten in der Alten Exerzierhalle fünf Jugendliche ihrem Ärger Luft. Wenn man die Ängste und Sorgen der Restbevölkerung nicht wahrnehme, dürfe man sich nicht wundern, wenn die Sache nach hinten losgehe, rief ein junger Mann ins Mikro und bezeichnete Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) als Lügner. Er und seine vier dunkel gekleideten Begleiter stürmten aus dem Saal. Mende entgegnete: "Zum Glück denken nur fünf von insgesamt 500 Cellern so" und erntete Beifall.

Zuvor erläuterte der Stadtentwickler Wolfgang Schucht die Pläne für die Hohe Wende, die zur dritten zentralen Notunterkunft für Flüchtlinge ausgebaut werden soll. "Es ist eine schöne Aufgabe, leeren Hüllen einen Sinn bringenden Nutzen zu geben – wenn auch nur vorübergehend", erklärte Schucht. "Die Zuschnitte der alten Mannschaftsräume eignen sich hervorragend." Die Zimmer, welche die Engländer verließen, sind zwischen 12 und 30 Quadratmetern groß. Die Bausubstanz könne so bleiben, aber die Oberflächen müssten noch bearbeitet werden. Mende möchte bereits in acht Wochen erste Gebäude beziehen, Schucht rechnet eher mit einem halben Jahr. Aus dem Publikum kam die Frage, ob nicht das Kasernengelände in Scheuen als Alternative tauge. Doch hier hätten die Gebäude durch Vandalismus und Kupferdiebe mehr gelitten.

Mende erzählte, dass die Stadt sich bereits im Januar zusammen mit dem Innenministerium das Gelände angeschaut habe, doch damals habe es noch geeignetere Gebäude im Land gegeben. Erst vor acht Wochen haben sich mit Merkels Politik der Öffnung die Ereignisse überschlagen. Nun sollen an der Hohen Wende in zwei Mannschaftsgebäuden insgesamt 500 Flüchtlinge untergebracht werden. Mende nannte die Zahl für Celle "akzeptabel". Die Stadt könne so viele Flüchtlinge vertragen, da sie in der Vergangenheit schon so viele Nationalitäten aufgenommen habe.

Die wichtigste Frage des Abends war die nach der Entlastung der vielen Ehrenamtlichen. Schließlich könne das hohe Pensum nicht jahrelang bewerkstelligt werden. Einige Bürger erkundigten sich danach, inwiefern die Flüchtlinge selbst in die täglichen Arbeiten einbezogen werden. In den dezentralen Unterkünften sei das schon der Fall, erklärt Stadtrat Stephan Kassel. Da es in den Wohnungen eine eigene Küche gebe. Ein-Euro-Jobs würden Flüchtlinge, die länger als drei Monate hier sind, gerne annehmen. In den Notunterkünften sei das Übertragen einiger Aufgaben aufgrund bestimmter Vorschriften nicht so einfach, erläuterte Mende. Um Essen zu verteilen, brauche man etwa ein Gesundheitszeugnis. In Wietzenbruch helfen viele Asylsuchende bei der Übersetzung ins Arabische und Persische, berichtete Melanie Sekulla (DRK).

Für die Einrichtungen in Celle gebe es zwar festes Personal, sagte Mende. Doch viele Freiwillige würden für die Begleitung gebraucht. Die Volkshochschule könne mehr tun, wenn sie, wie geplant, in der Hohen Wende Räume für den Deutschunterricht beziehen kann. Ähnlich ist es mit der Agentur für Arbeit, IHK, HWK und Dehoga. Angela Hohmann von der Freiwilligeninitiative kündigte an, dass die Internetseite von "Celle hilft" in zwei Wochen online gehe. Dort sollen Celler einen Überblick bekommen, wo sie wie ehrenamtlich helfen können.

Stefan Dannenberg von den Maltesern sprach über die Unterkunft in Scheuen, die insgesamt 1000 Flüchtlinge aufnehmen kann. Noch in dieser Woche sollen 250 so genannte "mobile homes" in Verbundbauweise geliefert werden. Sie sind vier Mal vier Meter groß und können elektrisch beheizt werden. Darin sollen sechs Betten Platz finden. Zum Aufbau werden wieder alle Kräfte von DRK, THW, DLRG, Maltesern, Bundeswehr und Feuerwehr gebraucht. "Ohne die Vernetzung wäre die Organisationsarbeit dieser Größe nicht denkbar. Was die Ehrenamtlichen die vergangenen sieben Wochen geleistet haben, ist beispiellos", sagte Dannenberg. Inzwischen sei das Pensum höher als bei den Hochwasserlagen an der Elbe.

Dannenberg räumte ein, dass es im Camp mitunter Reibereien gebe zwischen verschiedenen ethischen Gruppen. Nach einer Rangelei mussten sechs Beteiligte des Platzes verwiesen werden. Mende beobachte auch, dass einige Fahrräder aus der Stadt in den Camps aufgetaucht seien. Ansonsten sei die Stimmung laut Dannenberg trotz des trüben Wetters gut. Sekulla berichtete aus Wietzenbruch. Dort sind zwischen 180 und 250 Flüchtlinge untergebracht. Es gehe dort "friedlich" und "familiär" zu. "Wir kennen die meisten inzwischen mit Namen", erzählte Sekulla.

Von Dagny Rößler