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Celle Stadt Celler Erinnerungen an den Mauerfall: Angespannte Lage in Bonn
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Erinnerungen an den Mauerfall: Angespannte Lage in Bonn
08:25 08.11.2014
Von Gunther Meinrenken
In den Tagen nach der Maueröffnung waren die Straßen der Celler Innenstadt unglaublich voll, wie hier am 2. Dezember 1989, als Weihnachtsmarktbesucher, Innenstadtkunden und DDR-Bürger die Altstadt bevölkerten. Quelle: Foto:
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Der 9. November 1989 begann für Martin Biermann als fast ganz normaler Arbeitstag. Der spätere Celler Oberbürgermeister war damals Leiter der niedersächsischen Landesvertretung in Bonn. Einen Tag vor der Plenarsitzung des Bundesrates am 10. November war Biermann wie immer vor solchen Sitzungen sehr beschäftigt, über die letzten Feinabstimmungen zu verhandeln, um zu einer Mehrheit im Bundesrat zu kommen.

"Mein Tag hatte morgens um 8.30 Uhr mit einer Besprechung der 60 Punkte umfassenden Tagesordnung und des Abstimmungsverhaltens begonnen. Um 13 Uhr hatte wie üblich Minister Heinrich Jürgens die Presse zum Hintergrundgespräch eingeladen", berichtet Biermann. Zur Einschätzung der Lage in der DDR äußerte sich Jürgens bedeckt, gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich der 17. Juni 1953 nie wiederholen dürfe. "Um 18 Uhr dann hatte ich ein letztes Vorbereitungsgespräch mit Ministerpräsident Ernst Albrecht. "Nichts deutete um diese Uhrzeit auf die nur kurze Zeit später die Welt grundlegend verändernde Situation hin", so Biermann.

"Für mich, der ich seit 1982 in Bonn für Niedersachsen tätig war, hatte sich in den letzten eineinhalb Jahren schon insoweit eine Veränderung ergeben, als mich immer häufiger der Botschaftsrat Klötzer der Ständigen Vertretung der DDR aufsuchte und großes Interesse der DDR-Führung an Verbindungen zu Niedersachsen zeigte, unter anderem auch in Grenzfragen", erzählt Celles ehemaliger Oberbürgermeister. Immerhin hatte Niedersachsen die längste Grenze aller Bundesländer zur DDR, nämlich fast 550 Kilometer.

Am Vorabend der Bundesratssitzung fanden wie üblich zahlreiche Veranstaltungen in den Landesvertretungen statt, so auch in der Landesvertretung Niedersachsens. "Plötzlich trafen die ersten Meldungen aus Berlin ein. Schlagartig wich die bis dahin vorherrschende entspannte Gelassenheit einer alle erfassenden Anspannung. Ungläubigkeit und Unsicherheit beherrschten die Szene. Man brauchte dringend belastbare Informationen. War das mit Moskau abgestimmt? Wenn nein, welche Reaktionen würde der Kreml zeigen?", gibt Biermann die Stimmung wieder.

"Ich rief bei der DDR-Vertretung in Godesberg an. Doch alle Kanäle zur Ständigen Vertretung der DDR waren stumm. So blieb uns in der Landesvertretung nichts anderes übrig, als vor dem Fernseher zu verharren", erzählt Biermann. "Und dann überschlugen sich die Ereignisse. Wir haben die Bilder der Nacht noch alle vor Augen."

"Am nächsten Morgen war die politische Lage in Bonn noch immer aufs höchste angespannt. Die Tatsache, dass es in der Nacht keine Gewalt oder einen Einsatz von Waffen gegeben hatte, war für viele unfassbar. Das Ganze glich einem Wunder", erinnert sich Biermann. Vom entscheidenden Schritt zur „Wiedervereinigung" habe niemand gesprochen. "Man hoffte für die Zukunft auf ein friedliches Neben-, vielleicht sogar Miteinander von Bundesrepublik und DDR ohne Todesstreifen und Mauer, mehr schien nicht denkbar", so Biermann im Rückblick. Es sollte anders kommen.