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Celle Stadt Celler Experten: Wenig Verständnis für unterlassene Hilfeleistung
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Experten: Wenig Verständnis für unterlassene Hilfeleistung
20:39 03.02.2015
Von Carsten Richter
Bis bei einem schweren Verkehrsunfall die Rettungskräfte eintreffen, könnten andere Fahrer schon viel tun. Doch viele fahren einfach weiter. Quelle: Florian Kater
Celle Stadt

Es kommt wie aus dem Nichts: Plötzlich bremst der Vordermann scharf ab, man sieht nur noch die roten Rückleuchten, doch dann ist es auch schon zu spät. Mit voller Wucht prallen beide Fahrzeuge zusammen. Auch die nachfolgenden Wagen können nicht mehr rechtzeitig bremsen – eine Massenkarambolage, das Schreckensszenario eines jeden Autofahrers. So geschehen am Wochenende auf der Autobahn 2 bei Magdeburg, sechs Menschen wurden bei dem Unfall verletzt. Das eigentlich Schlimme aber: Andere Fahrzeuge fuhren über den Standstreifen einfach weiter, ohne sich um die Verunglückten zu kümmern. Das Verhalten ist kein Einzelfall und stößt auch bei Polizei und Rettungskräften in Celle nur bedingt auf Verständnis.

„Wegschauen ist eben einfacher“, sagt Uwe Ammoneit, Rettungsdienstleiter beim DRK Celle, „das ist generell ein menschliches Problem“. Das Verhalten der Autofahrer auf der A2, die noch dazu aus Sensationslust Fotos machten, anstatt zu helfen, könne er nicht verstehen, so Ammoneit. „Doch dadurch, dass jeder heutzutage ein Smartphone hat, ist Voyeurismus leichter“, versucht er das Verhalten zumindest nachzuvollziehen. Vielleicht ist es auch schwieriger, Fremden zu helfen als Verwandten oder Freunden, so Polizeisprecher Guido Koch. „Doch das sind nur Mutmaßungen“, betont er. Letztlich habe jeder individuelle Ausreden.

Im Bereich der hiesigen Polizeiinspektion komme eine derartige Passivität von Autofahrern aber nur selten vor. „2013 wurde in einem einzigen Fall der unterlassenen Hilfeleistung ermittelt“, so Koch. Die Dunkelziffer sei allerdings hoch, relativiert der Sprecher. Anfang Juli war im Bereich der Nienburger Straße ein Rollerfahrer in das Heck eines Pkw geprallt und hatte sich Verletzungen zugezogen – der Autofahrer suchte jedoch das Weite. „Unfälle zu sehen und weiterzufahren ist ein autobahnspezifisches Problem“, meint Rettungsdienstleiter Ammoneit. „Wenn auf einer Landstraße ein Unfall passiert, ist gleich der ganze Verkehr blockiert.“ Autobahnen machten durch ihre Breite eher eine Flucht möglich. Hinzu komme, dass die Fahrer hier oft vermehrt unter Zeitdruck stünden.

Dabei könne man an einer Unfallstelle immer etwas tun, betont der Celler Fachanwalt für Verkehrsrecht, Ralf Blidon. „Es hilft manchmal schon, nur bei dem Verletzten zu sein, ihm die Hand zu halten und die Polizei zu rufen.“ Einfach weiterzufahren aber sei vor allem ein moralisches Delikt, so Blidon. Ein solches Ausmaß von unterlassener Hilfeleistung wie nun auf der A2 habe er noch nicht erlebt.

Auch wenn die Statistik der Polizei etwas anderes sagt: Nach Blidons Erfahrungen unterscheidet sich das Verhalten von Fahrern auf einer Autobahn nicht wesentlich von dem auf einer Landstraße. Immer wieder erlebe er, wie andere Verkehrsteilnehmer an einer Unfallstelle vorbeifahren, ohne anzuhalten.

Im Strafgesetzbuch sei klar geregelt, ab wann man von unterlassener Hilfeleistung sprechen könne, erklärt der Jurist. „Die Zumutbarkeit endet, wo man selbst sein Leben riskiert“, so Blidon. Dabei würden die Paragrafen auch traumatische Erlebnisse anderer Autofahrer berücksichtigen. Das Argument, man könne durch das Miterleben eines Unfalls schlecht schlafen, gelte aber nicht.

Wer sich bei Erster Hilfe unsicher fühlt: Jeden Samstag von 9 bis 16 Uhr bietet das DRK Celle eine Ausbildung an. Ammoneit: „Sie wurde auf das Wesentliche reduziert. Erste Hilfe ist an einem Tag erlernbar.“