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Celle Stadt Celler Markt im Visier der Brötchen-Polizei
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Markt im Visier der Brötchen-Polizei
16:48 27.02.2015
Von Michael Ende
Das soll einer verstehen: Der Verzehr von auf dem Markt erworbenen warmen Brötchen ist auf dem Markt verboten – das Essen von Nicht-Markt-Brötchen jedoch nicht. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Manfred W. hat Hunger. „Ein Leberkäse-Brötchen, bitte“, sagt der Mann am Marktstand der Fleischerei Stöckmann auf der Celler Stechbahn. Prompt erhält W. das Objekt der Begierde ausgehändigt. Ein herzhafter Biss – und das ist der Grund, warum W.s Name hier nicht ausgeschrieben wird. Er hat nämlich etwas Verbotenes getan. Wenn die städtische Ordnungsbehörde Wind davon bekommt, gibt es Ärger. Denn das Verzehren warmer Wurstsemmeln auf dem Celler Wochenmarkt ist ein Delikt.

„Auf dem Wochenmarkt in der Altstadt ist es verboten, warme Speisen, die vor Ort zubereitet werden oder an Ort und Stelle verzehrt werden können, anzubieten“, heißt es in der Wochenmarktsatzung der Stadt Celle. Die hat Ellen Stöckmann, die mit ihrem Fleischerei-Wagen neu auf dem Markt ist, bis vor Kurzem nicht gekannt. „Ich halte mich an die Regeln“, betont Stöckmann: „Kunden erhalten unsere Leberkäse-Brötchen grundsätzlich nur in der Tüte, so dass sie sie mitnehmen können.“ Völlig korrekt. Doch was, wenn der Kunde, wie Manfred W., direkt vor Stöckmanns Wagen ins Brötchen beißt? „Das ist dann seine Sache“, meint die Geschäftsfrau.

Die Stadt sieht es als ihre Aufgabe an, die Regelung zu überprüfen. „Wer den Leberkäse der Firma Stöckmann genießen möchte, muss ihn unter Umständen mit nach Hause nehmen“, unterstreicht die städtische Pressesprecherin Myriam Meißner. „Die Fleischerei ist neu auf dem Wochenmarkt und war am vergangenen Samstag erstmals vor Ort zu finden. Wir haben bei der Gewerbeerfassung im Rathaus ausdrücklich darauf hingewiesen, dass nach Satzung kein Verzehr warmer Speisen vor Ort möglich ist. Mit unserer Marktaufsicht sind wir an jedem Wochenmarkttag vor Ort. Bei der Kontrolle wurde kein Verstoß gegen die Marktordnung festgestellt. Offensichtlich schmeckt der Leberkäse dann auch außerhalb der Marktgrenzen.“

Nicht gegen die Satzung verstößt ein Stöckmann-Kunde, wenn er knapp drei Meter vom Wagen weg geht, so den Marktbereich verlässt und dort in die Semmel beißt. Nicht gegen die Satzung verstößt, wer sich beim stationären Schlachter an der Stechbahn ein warmes Leberkäse-Brötchen kauft und auf dem Markt verzehrt. Was ist, wenn man das warme Brötchen vom Markt erst kalt werden lässt und dann dort isst? Und was heißt überhaupt „warm“? Wäre ein ungekühltes, aber nicht erhitztes Brötchen im Hochsommer nicht auch „warm“? Was soll passieren, wenn ein Brötchen-Sünder ertappt wird? Und: Wozu das alles?

Einer, dem diese Art der Markt-Regulierung seit Jahren sauer aufstößt, ist Grünen-Ratsfraktionschef Bernd Zobel. Er würde zu gerne einmal einen Cappuccino genüsslich in anregender Marktatmosphäre schlürfen – bis heute müsste er ihn in einer Thermoskanne auf den Markt schmuggeln, denn der Warmgetränk-Verzehr ist ja geächtet. „Wir sollten endlich den Markt attraktiver machen, indem wir dort das Angebot warmer Speisen ermöglichen“, fordert Zobel bereits seit Jahren. Er findet, dass das System aus Vorschriften und Kontrollen rund ums Brötchen „ziemlich gaga“ ist: „Das sollten wir ändern.“

Das sagt auch Rüdiger Korte, Vorsitzender der Celler Marktbeschicker: „Wir sind der Meinung, dass man an bestimmten Orten auf dem Markt durchaus auch warme Speisen und Getränke anbieten dürfen sollte – allerdings sollte das Ganze nicht zu einem Imbiss-Markt verkommen.“

Bereits 2012 war die Politik so weit, das Warmverzehrverbot auf dem Markt aufzuheben. Der Ausschuss für öffentliche Einrichtungen sprach sich einmütig dafür aus. „Die breite Mehrheit hier im Ausschuss und ich denke auch der Bürger möchte ein zusätzliches gastronomisches Angebot auf dem Wochenmarkt. Wir wollen das ermöglichen“, sagte damals Heiko Gevers (CDU). Umgesetzt wurde diese Ausschuss-Empfehlung nicht. Der Rat hat es seitdem einfach nicht beschlossen.

Deswegen bewegen sich Brötchen-Esser auf dem Wochenmarkt in einer rechtlichen Grauzone. Immerhin: Gegen eine Regelung der Marktsatzung dürfte auch am heutigen Samstag wieder einmal nicht verstoßen werden – jedenfalls so lange dort niemand Kühe, Pferde oder Elefanten verkaufen will. Das Feilbieten „größeren Viehs“ ist nämlich auch untersagt.