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Celle Stadt Celler Mauer-Erinnerungen: Und plötzlich ist die Grenze offen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Mauer-Erinnerungen: Und plötzlich ist die Grenze offen
12:20 08.11.2014
Am 11. November 1989 am Grenzübergang Bergen an der Dumme. Mit Autos und Fahrrädern , mit Kind und Kegel kommen die DDR-Bürger aus Richtung Salzwedel in den Westen. Tee für alle aus dem Eimer gab es am 18. November 1989 in Zicherie vom DDR-Grenzer. Quelle: Joachim Gries
Celle Stadt

Es war eine schlaflose Nacht. Und nicht die Millionenbeträge für den Bau eines Schmutzwasserkanals in Kragen, Marwede und Endeholz, über den der Rat der Samtgemeinde Eschede am Abend beraten hatte, nahmen mir die Ruhe. Es war am späten Abend der Fall der Mauer in Berlin, den ich nach der Rückkehr von der Sitzung aus Endeholz zusammen mit meiner heutigen Frau am Fernsehen und am Radio verfolgte. Unfassbar, was sich da abspielte. Auch nach der Großdemonstration mit etwa einer halben Million Teilnehmern am 4. November 1989 in Ostberlin hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Reisefreiheit und faktisch der Wegfall der Grenzen des zweiten deutschen Staates kommen würde, schon gar nicht, dass es so schnell geschehen würde.

An Schlaf war nicht zu denken in dieser Nacht. Nach kurzer Zeit im Bett saßen wir wieder vor dem Fernsehgerät und staunten über die Bilder aus Berlin. Und kämpften mit uns, ob wir an den nächsten Grenzübergang fahren, nach Bergen an der Dumme. Den hatte ich in den Jahren zuvor im kleinen Grenzverkehr häufiger überquert in Richtung Salzwedel oder Perleberg. Wir blieben zu Hause, Bergen war doch nicht Berlin.

Am Freitag mussten wir arbeiten, da waren die DDR-Bürger auch schon hier. Am Sonnabend früh fuhren wir los. Als wir in Eschede auf die Uelzener Straße bogen, kamen uns die kleinen knatternden Trabis entgegen – ohne Zahl. Je dichter wir zur Grenze kamen, desto dichter war die Kolonne aus Trabis und Wartburgs und ein paar sonderbaren Raritäten.

In Bergen an der Dumme suchten wir einen Parkplatz. Die Stadt war völlig überlaufen. Vor der Post eine lange Schlange, hier wurde das Begrüßungsgeld ausgezahlt. Im Kindergarten war eine Betreuung für die jüngsten DDR-Bürger eingerichtet worden. Wir gingen die paar hundert Meter zur Grenze zu Fuß. Spätestens hier stellten sich früher die Beklemmungen ein, weil man nie wusste, wie die Kontrollen ausfallen würden.

Jagdhornbläser begrüßten die DDR-Besucher direkt an der Grenze. Viele Bundesbürger klatschten, viele Menschen hatten Tränen in den Augen. Die DDR-Bürger kamen nicht nur in Autos, sie kamen auch mit Fahrrädern in den Westen. Die Autoschlange reichte bis weit ins Hinterland, die Zweitakter-Wölkchen stiegen in den frischen Morgen auf.

Von Kontrolle keine Spur, weder im Westen, noch im Osten. Nach Hause werde er gehen, wenn seine Schicht vorbei sei, sagte der DDR-Grenzer, der hart am Grenzverlauf stand. Drei Tage zuvor hätten ihm drei Schritte die Flucht ermöglicht – jetzt musste niemand mehr fliehen.

In wenigen Tagen entstanden neue Grenzübergänge, Jahrzehnte lang unterbrochene Verkehrsverbindungen wurden in wenigen Stunden wieder hergestellt. Zwischen Schmölau und Schafwedel, gut sechs Kilometer von Bad Bodenteich entfernt, bauten die DDR-Grenzer den Streckmetallzaun ab, dann wurde eine Trasse ausgemessen, letzte Details im Gespräch mit dem Bundesgrenzschutz geklärt und schon kamen die Radlader zum Einsatz. Am 18. November 1989 rollten auch hier die Autos gen Westen.

Zwischen Zicherie und Böckwitz, südöstlich von Hankensbüttel, gab es eine Mauer wie in Berlin, die Dörfer waren einen Steinwurf voneinander entfernt. Die Mauer fiel am 17. November. Auch hier drängten die Autos, aber auch viele Menschen zu Fuß in den Westen. Sie kamen mit Kind und Kegel. Vorbei an scherzenden Grenzern, die mit ihren Kollegen vom Bundesgrenzschutz plauderten. Einer kam mit einem Eimer voll heißem Tee aus dem Osten und verteilte. Deutsch-deutsche Verbrüderungsszenen. Und dann gingen auch die ersten Bürger aus Zicherie die paar Meter nach Böckwitz – zum ersten Mal nach Jahrzehnten. Wahnsinn!

Von Joachim Gries