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Celle Stadt Celler Polizisten vor dem Burnout
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Polizisten vor dem Burnout
15:54 11.07.2017
Von Michael Ende
Burnout: Mehr als jeder zehnte Celler Polizeibeamte ist dauerhaft krank Quelle: ©opticaltech - stock.adobe.com
Celle Stadt

Müller nimmt die Arbeit mit nach Hause. Im Kopf. Immer. Bei TV-Kommissaren mag das normal sein. Für richtige Menschen kann das schlimme Folgen haben. Müller zum Beispiel leidet an Tinnitus. Das Piepen im Ohr mache ihn manchmal fix und fertig, sagt er: "Das kommt und geht schon seit Jahren. Kein Arzt kann mir genau sagen, warum. Manchmal falle ich dadurch wochenweise aus."

Dabei will Müller arbeiten – schließlich hat er seinen Job einmal geliebt. Heute leistet er neben dem täglichen Dienstpensum Überstunden, die in die Hunderte gehen: "Weil Schwerkriminalität sich nun einmal nicht an Bürostunden hält." Zusätzlich kommt Müller aufgrund von operativen Einsätzen wie Observationen und Telefonüberwachungen auch fast jedes Wochenende zum Dienst, da die Ermittlungen in der Regel mehrere Monate dauern. Außerdem muss Müller aufgrund der desolaten Personallage Streifenfahrten der Schutzpolizei begleiten, weil an Wochenenden die jüngeren Beamten zu Demonstrationen abgeordnet werden und die Schichten des Einsatz- und Streifendienstes aufgefüllt werden müssen. "Das schlaucht", sagt Müller, der gerne öfter seine Familie sehen würde. "Aber es gibt ja auch noch Telefon", knurrt er sarkastisch.

Die Arbeitszeitverordnung ist für Müller kaum mehr als ein Blatt Papier. Bei Bedarf muss er als Teil der Ermittlungsgruppe auch mal 18 Stunden am Stück arbeiten, um nach vier oder fünf Stunden Schlaf dann wieder am Folgetag auf der Matte zu stehen: "Denn ein vorläufig Festgenommener muss 24 Stunden nach dem Tag seiner Festnahme dem Richter vorgeführt werden. Kein anderer Kollege kann das wegen mangelnder Vorgangskenntnis übernehmen." Die Berichte müssen geschrieben, die weiteren Schritte koordiniert werden – und Björn Müller ist erneut zwölf Stunden im Dienst.

Seine vielen Überstunden kann Müller aus dienstlichen Gründen gar nicht abbauen, sondern wird mit rund 12 Euro nach Steuern pro Stunde entschädigt: "Gnädigerweise, wenn dem Dienstherrn danach ist." Damit stehe die Polizeidirektion Lüneburg anschließend auch besser da, weil ja der Überstundenberg „sichtlich und nachhaltig“ reduziert worden sei, sagt Guido Jenke vom Bund deutscher Kriminalbeamter. Die Überstunden würden auf Anweisung des Innenministeriums in Hannover teilweise ausgezahlt. "Eben weil niedersachsenweit zu viele Überstunden entstanden sind. Diese Praxis dient aus gewerkschaftlicher Sicht einer Verschleierung der wahren Überstundenproblematik und damit des Personalmangels."

Zehn Prozent Dauerkranke: Bei den "aktiven" Beamten bestehe nach Jenkes Kenntnis im Schnitt eine Überstundenbelastung von 200 Stunden: "Diese wirkliche Zahl wird in der Öffentlichkeit jedoch systematisch heruntergerechnet. Es gibt hier zum Beispiel Beamte, welche über 1000 Stunden vorweisen, dadurch krank geworden sind und auf ruhigere Dienstposten umgesetzt werden mussten." Noch im Jahr 2012 zählte die Celler Polizei 320 Stellen. In diesem Jahr sollen es laut Planung der Polizeidirektion Lüneburg nur noch 252 "Vollzeiteinheiten" sein. "Es geht hier um Menschen", betont Jenke. Unter den Kollegen gebe es mehr als zehn Prozent Dauerkranke: "Im Schnitt sind das 36 Beamte, hinzu kommen eingeschränkt Dienstfähige, das sind 45 Beamte oder 16,9 Prozent."

Bitter klingt es, wenn Müller erzählt, dass die Polizei Celle als "familienfreundlicher Betrieb" ausgewiesen ist. Sauer wird er, wenn er an seine Zukunft denkt: "Ich frage mich, was aus der Zitrone wird, nachdem sie so wirksam ausgepresst worden ist."