Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Celler Projekt "Gastgeber sein": Kochen als Brücke für Kulturen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Projekt "Gastgeber sein": Kochen als Brücke für Kulturen
16:18 21.05.2015
Nudeln satt: Superintendent Hans-Georg Sundermann (miitte) und seine Frau Gabriele Ahnert-Sundermann (links daneben) haben zusammen für Omar (10, von links), Vater Firas und Nawal (9) gekocht. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Die Idee ist ganz einfach, für die Superintendent Hans-Georg Sundermann in diesen Tagen verstärkt wirbt – so auch während des Bürgerkanzelgottesdienstes in der Stadtkirche. Statt nur über eine freundliche Willkommenskultur zu reden und sich zu fragen, was man praktisch für die Menschen tun könnte, die unter größter Lebensgefahr über das Mittelmeer nach Deutschland gekommen sind, regt der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Celle an, das eigene Haus oder die Wohnung für Asylsuchende zu öffnen und mit ihnen oder für sie zu kochen. „Zu mehr verpflichtet eine einmalige Einladung nicht,“ sagt Sundermann, „aber es ist auch nicht ausgeschlossen, dass sich ein intensiverer Kontakt ergeben könnte.“

Der Geistliche geht mit gutem Beispiel voran: Er und seine Frau Gabriele Ahnert-Sundermann haben die syrische Familie Anaji zu sich nach Hause eingeladen und gemeinsam gekocht. Vermittelt wurde der Kontakt von der Zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge in Westercelle.

Die Familie Anaji kommt aus Aleppo, der zweitgrößten Stadt in Syrien. Dort wurden durch den Bürgerkrieg weite Teile der Stadt zerstört. Die Anajis mussten miterleben, wie ihr Haus dem Erdboden gleichgemacht wurde. Um ihre Kinder und sich zu schützen, entschieden sie sich, die Stadt zu verlassen. Sie kamen über die Türkei nach Europa, wurden in Bulgarien festgesetzt und sind nun seit einem halben Jahr in Deutschland. Hier fühlen sie sich erstmals seit Jahren wieder sicher.

Firas Anaji ist von Beruf Wasserbauingenieur. Da er noch keinen Aufenthaltsstatus hat, darf er weder an Deutschkursen teilnehmen noch sich eine Arbeit suchen. Beides aber wünscht er sich sehnlichst: „Ich möchte unbedingt Deutsch lernen und bald arbeiten, um den Unterhalt für meine Familie zu verdienen“, sagt er. Mutter Shereen blieb zu Hause, weil sie sich nicht wohl fühlte. Sie ist im achten Monat schwanger.

Seine Tochter Nawal (9) und sein Sohn Omar (10) gehen in die Sprachlernklasse der Hehlentorschule in Celle und haben es in vier Monaten geschafft, Deutsch so schnell zu lernen, dass sie sich schon gut verständigen können. Sie möchten endlich in die „normalen“ Klassen. Nawal: „Immer nur Basteln und Ausschneiden macht nicht so viel Spaß!“

Da die Anajis Moslems sind, gab es bei dem Essen kein Schweinefleisch oder Alkohol. Sundermann hatte Nudeln mit zwei Soßen gekocht: eine Bolognese und eine Lachs-Sahnesoße. Dazu gab es Salat mit Granatapfelkernen, die in Syrien und im Mittelmeerraum weit verbreitet sind. Über den Nachtisch (Erdbeeren mit Eis) haben sich Nawal und Omar besonders gefreut. Ein Dolmetscher war nicht nötig: Die beiden Kinder sprechen schon gut Deutsch, Vater Firas kann ein wenig Englisch.

Die größte Furcht der Familie ist es, wieder zurück nach Bulgarien zu müssen. An dieses Land haben sie keine guten Erinnerungen. Firas wurde ins Gefängnis gesteckt, seine Frau und die Kinder nicht gut behandelt. „Hier in Celle haben wir endlich wieder ein Zuhause. Wir fühlen uns geborgen und sicher. Hier möchten wir bleiben“, sagte er zum Abschied.

Projekt "Gastgeber sein"

Ganz einfach und praktisch will der evangelische Kirchenkreis der Willkommenskultur in Celle mit dem Projekt „Gastgeber sein“ eine weitere freundliche Note geben. Informationsflyer samt Anmeldeformular können sich Interessierte in jedem Pfarrbüro der jeweiligen Kirchengemeinde abholen. Das Schreiben muss dann ausgefüllt und dorthin zurückgegeben werden. Das Formular wird an die neue Erstanlaufstelle für Asylsuchende in Westercelle weitergeleitet. Die Mitarbeiter nehmen dann mit den Interessierten Kontakt auf, sofern eine passende asylsuchende Einzelperson oder Familie gefunden wurde. Mehr Infos rund um das Projekt gibt jeder Kirchenkreis im Landkreis sowie die Superintendentur Celle, Wensestraße 1 in Celle, unter ☏ (05141) 33880.

Von Kai Knoche