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Celle Stadt Celler Schlosstheater bittet in Lokschuppen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Schlosstheater bittet in Lokschuppen
12:45 21.02.2014
Eric Stehfest wird in dem Monologstück „heimWEH“ unter der Regie von - Benjamin Westhoff den Protagonisten Sebastian als Graffiti-Sprayer mimen. Quelle: Benjamin Westhoff
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Wenn das Schlosstheater den Besuchern der neuesten Produktion „zweckmäßige, warme Kleidung und festes Schuhwerk“ empfiehlt, liegt die Vermutung nahe, dass die Vorstellung wohl kaum an den üblichen Spielstätten laufen wird. So ist es denn auch: Für das Monologstück „heimWEH“ von Thomas B. Hoffmann bittet man in einen Lokschuppen auf dem Gelände der Osthannoversche Eisenbahnen AG (OHE), Adresse Biermannstraße 4-8.

Dort ist die Zufluchtstätte von Sebastian angesiedelt, dem Protagonisten der Handlung. Der junge Mann hat gerade einen missglückten Selbstmordversuch hinter sich – er wollte vor einen fahrenden Zug springen. Folge seiner Erfahrungen in einem zerrütteten Elternhaus, wo Gewalt an der Tagesordnung ist, nach außen hin aber auf heile Familie gemacht wird. Bis Sebastian sämtliche Sicherungen durchbrennen und er seinerseits gegenüber dem Vater handgreiflich wird. Nun reflektiert er seine Situation.

Der Monolog umfasst nur knapp 17 Seiten, „aber das kann man leicht unterschätzen“, wie Regisseur Benjamin Westhoff bei den Proben gelernt hat: „Die Vorstellung wird wohl schon ihre 60, 70 Minuten dauern.“ Was auch daran liegt, dass der Text nicht einfach nur heruntererzählt werden soll: „Wir legen großen Wert auf Spielhandlungen.“ Mit einer davon rückt Westhoff schon mal heraus und verrät, dass Sebastian in dieser Inszenierung als Graffiti-Sprayer angelegt ist. Eine Idee Marke Eigenbau, die natürlich neues Potenzial eröffnet: „So können wir zum Beispiel mit Bildern arbeiten.“

Eine Bühne im eigentlichen Sinn wird es nicht geben, wohl aber eine Art Publikumstribüne. Das hat mit den Gegebenheiten vor Ort zu tun: „In dem Schuppen sind Montagegräben“, erläutert Westhoff. „Der Schauspieler kann und wird die benutzen, aber wenn sich die Zuschauer frei im Raum bewegen könnten, wäre das viel zu gefährlich.“

Klingt nach einiger Action für Darsteller Eric Stehfest. Dem das allerdings sehr recht ist: „Ich komme gern von der Körperlichkeit her“, sagt der 24-jährige Berliner, den TV-Fans vielleicht als Yannick in der RTL-Soap „Unter uns“ kennen. Er hat eine ungewöhnliche Annäherung für „heimWEH“ gewählt: „Ich habe für die anderen Figuren Rap-Texte geschrieben, zu Beats von einem Kumpel. Es kam mir darauf an, mich in alle einzufühlen, auch etwa für den Vater Verständnis zu entwickeln. Der ist ja nicht ohne Grund so geworden.“ Und wiewohl der Rap in der fertigen Inszenierung keine Rolle mehr spielen mag, hat dieser Zugriff es dem Darsteller erleichtert, von gar zu schlichten Schwarz-Weiß-Charakterisierungen abzusehen: Hier die monströse Familie, dort der Sohn als armes Hascherl – das wäre dann doch arg billig.

Eine ganz pragmatische Frage kommt in den Sinn: Ist nicht so nah an den Bahngleisen hier und da mit Begleitgeräuschen von Zügen zu rechnen? Regisseur und Darsteller bejahen dies frohgemut: „Das trägt zu der besonderen Atmosphäre dieser Kulisse bei“, sagt Westhoff. „Damit muss der Schauspieler dann umgehen können.“ Und Stehfest ergänzt: „Ich habe sowieso in meinem Spiel bei allen klaren Verabredungen auch Freiräume. Hier werden keine zwei Vorstellungen genau gleich verlaufen.“

Von Jörg Worat