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Celle Stadt Celler Schlosstheater zeigt alltägliches Leben von Sicherungsverwahrten
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Schlosstheater zeigt alltägliches Leben von Sicherungsverwahrten
21:23 25.05.2014
Der Alltag in einer Gefängniszelle ist Thema des Dokumentartheaterabends - „Wegschließen und zwar für immer“.
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„Wegschließen – und zwar für immer“: Diese Option, so meinte Gerhard Schröder in seiner Zeit als Bundeskanzler gegenüber der „Bild am Sonntag“, müsse es bei manchen Sexualstraftätern geben. Und so heißt nun auch ein Theaterabend, der ausschließlich aus Originalzitaten zusammengesetzt ist und in der Kleinen Residenzhalle auf dem Gelände der CD-Kaserne zu erleben sein wird. Eine Kooperation zwischen dem Schlosstheater und dem Deutschen Theater Göttingen, wo das Stück im vergangenen November zur Uraufführung gekommen ist – übrigens hat die Zusammenarbeit nichts damit zu tun, dass der künftige Celler Intendant Andreas Döring zuvor in Göttingen tätig war.Nico Dietrich hat die Textcollage zusammen mit Inken Kautter entwickelt und führt auch Regie. Ein wenig irritierend wirkt, dass dieses Duo unter dem gleichen Titel 2012 bereits eine Produktion in Köln gezeigt hat: „Das ist ein völlig anderes Stück“, betont Dietrich. „Zwar hat man uns jetzt auf das Thema angesprochen, weil unsere Beschäftigung mit dem Stoff bekannt war. Aber diesmal gab es einen aktuellen Anlass, auf den wir uns konkret bezogen haben.“ Nämlich den Umzug der Celler Sicherheitsverwahrten in die JVA Rosdorf bei Göttingen: Die neue Abteilung mit 42 Apartments war für 12 Millionen Euro gebaut worden, nachdem der Europäische Gerichtshof festgestellt hatte, dass die Praxis der Sicherungsverwahrung in deutschen Gefängnissen gegen die Menschenrechte verstößt. Seit Sommer 2013 sind dort die meisten niedersächsischen Sicherheitsverwahrten untergebracht.Dietrich und Kautter begaben sich auf Spurensuche, sprachen mit Justizvollzugsbeamten, einem Richter, einem Fachanwalt, einem Kriminologen, einem Diakon, natürlich den Sicherheitsverwahrten selbst und weiteren Beteiligten. Dieses Material wurde gesichtet, gelichtet und in anonymisierter Form auf vier Darsteller verteilt. „Wir wollen nicht werten“, beschreibt Dietrich seinen Ansatz. „Hier und da ist uns vorgeworfen worden, wir seien haltungslos, aber nach unserer Meinung können sich die Besucher gerade dann am besten selbst ein Bild machen, wenn sie mit der Widersprüchlichkeit in den Aussagen konfrontiert werden.“ Widersprüchlichkeit, die kaum ausbleiben kann, ist das Thema doch denkbar heikel: Es geht hier darum, wie Menschen nicht wegen Taten behandelt werden, die sie begangen haben, sondern in Hinblick auf solche, die sie begehen könnten. Zitat eines Sicherheitsverwahrten: „So und ehm ja und dann kricht man natürlich Wut, man kricht Hass, man kricht Ohnmachtsgefühle, weil man sich ganz einfach da nich gegen wehrn kann, man sagt sich, du hast deine Strafe abgesessen und du sitzt hier jetzt für irgendwas, was noch gar nich passiert is, da kommen diese Gutachter mit irgendwelchen Prognosen.“Die Inszenierung setzt, das ist sicherlich angemessen, nicht auf mächtige Materialschlachten: „Wir bauen keine Zellen nach“, sagt Dietrich. „Wenn es darum geht, Größenverhältnisse deutlich zu machen, markieren wir das mit Klebeband auf dem Boden.“ Überhaupt wird viel Wert auf Anschaulichkeit gelegt: „Von Beginn an soll der Besucher das Gefühl haben, eine andere Welt zu betreten.“ Und wer wissen will, was das bedeutet, wird wohl hingehen müssen.

Von Jörg Worat