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Celle Stadt Celler Traditionsgeschäfte schließen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Traditionsgeschäfte schließen
16:37 30.12.2016
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Preisschilder gibt es nicht, die Schaufensterscheiben sind aus Panzerglas, und die zu einem großen Teil handgefertigte Ware macht dem Namen Modeatelier alle Ehre. „Nerz habe ich noch, aber Fuchs nicht mehr“, sagt Jochen Torke zu einem Kunden. Mit der Lederschürze vor dem Bauch ist der Kürschnermeister aus der Werkstatt kurz in den Verkaufsraum gekommen, lange bleibt er nicht. Verkauf und Beratung sind Sache seiner Frau Christine.

Das Modeatelier Torke, das Mitte März 2017 schließt, ist sicher eines der außergewöhnlichsten und exklusivsten Geschäfte in der Celler Altstadt. „Torke Celle – das war ein Begriff“, erläutert die Frau des Hauses, dass es für ihren Schwiegervater Paul Torke seinerzeit eine Selbstverständlichkeit war, einen der besten Ausbildungsplätze deutschlandweit für seinen Sohn Jochen auszusuchen. Dieser übernahm 1985 das Atelier von seinem Vater und setzte damit eine 167-jährige Familientradition fort.

Gegründet wurde die Firma also noch, bevor die Verarbeitung von Pelz nach außen begann. „Erst auf der Weltausstellung in Paris 1900 wurde der erste Pelzmantel vorgeführt“, erläutert der Kürschnermeister. Die Ursprünge des Betriebes liegen in Oberschlesien, nach dem Krieg begann Paul Torke 1952 in den Räumen des „Fürstenhofes“ neu. „Die Aufträge wurden immer mehr. Wer es sich leisten konnte, kaufte seiner Frau einen Pelzmantel“, erzählt Christine Torke.

Größere Räumlichkeiten fand man in der Rundestraße. Seit 1956 lässt ein Kundenstamm aus ganz Deutschland hier Pelze anfertigen, umarbeiten oder erwirbt Mützen, Westen und Jacken. „Unsere Kunden sind sehr speziell und individuell“, weiß die gelernte Diplom-Kauffrau Christine Torke aus 31-jähriger Erfahrung. „Frau Torke, Sie müssen dann da sein“, hieß es oft, wenn ein Beratungstermin vereinbart wurde.

Der Betrieb hat sich auf die Kombination von Pelz und Leder spezialisiert und passt alle Stücke den Wünschen der Kunden an. Die besondere Klientel bedauert die Schließung des Ateliers sehr, aber „sie haben auch Verständnis“. Die Arbeit ist für das Ehepaar nicht einfach. Der Kürschnermeister verbringt täglich zehn Stunden im Betrieb, im Winter holt er am Tagesbeginn Kohlen aus dem Keller, denn in der Werkstatt wird mit Ofen geheizt. Die Kinder von Christine und Jochen Torke haben sich beruflich anders orientiert. Das Ehepaar freut sich auf den neuen Abschnitt, der mit der Geschäftsschließung beginnt: „Wir gehen mit einem guten Gefühl.“

Direkt gegenüber von Torke befindet sich das Miederwarenfachgeschäft Ida Knoop. Vor dem Schaufenster steht ein großes Schild, das auf den Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe hinweist – mit 50 Prozent Rabatt auf alles. Nach 100 Jahren geht auch hier aus Altersgründen eine Ära zu Ende. Bereits im Alter von 14 Jahren half Inhaberin Ilse Knoop-Nöbel im Laden, der damals noch ihrer Tante Ida gehörte. Später übernahm sie das Miederwarenfachgeschäft und hörte aber nie auf, sich für die Belange der Kunden zu interessieren. Nächstes Jahr feiert Ilse Knoop-Nöbel ihren 80. Geburtstag.

Vor sieben Jahren noch wurde das Celler Miederwarengeschäft von einer Fachzeitschrift mit der Auszeichnung „Sterne der Wäsche“ bedacht und gehörte damit zu den zehn besten Boutiquen Deutschlands. Eine internationale Jury namenhafter Dessoushersteller hatte das Celler Geschäft nominiert. Traditionell zum Sommerfest im Hotel Köllners Landhaus organisierte Ilse Knoop-Nöbel Bademodenschauen. Alle zwei Jahre präsentierten ihre Models auf dem Laufsteg die neuesten Dessous-Trends. In Zukunft wird Celle eine Institution für ausgewählte Unterwäsche fehlen.

Von Anke Schlicht und Dagny Rößler