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Celle Stadt Celler erinnern sich: Brandt inkognito im "Fürstenhof"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler erinnern sich: Brandt inkognito im "Fürstenhof"
19:44 16.12.2013
Celle Stadt

Viele prominente Sozialdemokraten erinnern sich gern an ihre Begegnungen mit Willy Brandt. Johnfried Budelmann (75), von 1966 bis 1990 Geschäftsführer des SPD-Unterbezirks Celle, lernte Brandt bereits im Bundestagswahlkampf 1965 kennen und begleitete ihn auf seiner Tour mit der Bahn durch Deutschland. Damals war Budelmann für neun Monate Volontär beim SPD-Vorstand, Brandt SPD-Vorsitzender und Kanzlerkandidat. „Brandt war zumeist entspannt und gelassen. Selbst dann, als wir feststellten, dass auf allen Wahlplakaten in Marburg für ,Willi Brand‘ geworben wurde, hat er nur gelächelt.“

Richtig fröhlich sei es zugegangen, als 1966 der Abschluss des Volontariats gefeiert wurde, erzählt Budelmann. „Ein Abteilungsleiter setzte sich ans Klavier, Herbert Wehner spielte auf der Mundharmonika und Willy Brandt sang dazu mit voller Kraft ,Im Frühtau zu Berge‘. Brandt kannte das Lied in seiner ursprünglichen Fassung aus der norwegischen Jugendbewegung, sang bei der Feier aber den Text der deutschen Übersetzung.

Auch im Jahr 1976, als Willy Brandt – nach einer Kundgebung auf dem Großen Plan – in einem mit 3600 Personen völlig überfüllten Zelt auf dem Celler Schützenplatz zusammen mit Parteifreunden und Anhängern saß und die Sicherheitsleute in Panik gerieten, sei Brandt „seelenruhig“ geblieben, „als ob ihn das gar nichts anginge“. An eines erinnert Budelmann sich genau: „Er hatte ganz wache Augen. Dennoch wussten wir manchmal nicht: Träumt er jetzt oder überlegt er etwas?“

1978 hielt sich Brandt, wie Budelmann erzählt, für fünf bis sechs Tage inkognito im Celler „Fürstenhof“ auf – ohne dass irgendein Journalist davon etwas mitbekam. „Er war damals Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission, die von den Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Armut eingesetzt worden war. Am Vormittag schrieb er für die Kommission seine Berichte. Nachmittags startete er dann in den Landtagswahlkampf.“

1986 war Brandt, 72-jährig, noch einmal in Celle, um Gerhard Schröder im Landtagswahlkampf zu unterstützen, wie Budelmann erzählt. „Danach trafen wir uns im Bürgermeistersaal des Celler Rathauses.“ Dort habe Brandt „müde“ gewirkt. „Er machte den Eindruck, als habe er gar nicht richtig zugehört.“

Auch Godula Hepper, die für die Celler SPD viele Jahre im Kreistag und im Stadtrat saß, kann sich noch gut an eine „kleine SPD-Runde“ mit Willy Brandt im Bürgermeisterzimmer des Alten Rathauses erinnern: „Wir hörten ihm zu, wir diskutierten mit ihm, beim Abschied schüttelte er alle Hände.“ Eines ist für die 83-jährige ehemalige Lehrerin klar: „Wenn ich mich an Willy Brandt erinnere, kann ich das Persönliche und Politische nicht trennen. Willy Brandt stand für mich und viele für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er war immer ein Vorbild für Menschlichkeit und positive politische Ziele, ein Mutmacher für eine menschlichere Zukunft.“

Auch der frühere SPD-Landtagsabgeordnete und ehemalige Staatssekretär Fritz Riege (86) war von Brandt sehr beeindruckt: „Willy Brandt ließ Celle auf seinen Bereisungen zu Bundestags- oder Landtagswahlen nie aus. Er weilte – wie er mir versicherte – gern in unserer schönen Fachwerkstadt und zog bei seinen Reden viele Tausend Celler auf der Stechbahn, auf dem Großen Plan oder auf dem Brandplatz an. Nach den Kundgebungen saßen wir meist im Celler Ratskeller oder beim Schweine-Schulzen zusammen.“

Besonders gut erinnert sich Riege an einen Wahlkampfauftritt Brandts vor 52 Jahren in Celle: „1961 fuhr der damalige Kanzlerkandidat in einem weißen offenen Mercedes – stehend und von einer Autoeskorte begleitet – durch die Stadt zur Kundgebung. Danach traf er im Rathaus mit seinen Söhnen Lars und Peter zusammen. Beide waren aus Berlin angereist, um mit ihrem Vater nach einer Schlossführung von Celle aus eine private Reise anzutreten.“

Auch elf Jahre später, 1972, zog Brandt bei einem Wahlkampfauftritt viele Celler in seinen Bann, wie Riege schildert: „Wir hatten damals zwei Schützenfestzelte geordert, um eine Begegnung der Menschen vor Ort mit Willy Brandt zu ermöglichen. Die Stimmung war riesig und Brandt konnte sich seiner vielen Verehrer kaum erwehren. Schließlich vertraute er meiner Frau und mir an, dass es jetzt langsam genug sei und wir Schluss machen sollten.“

Riege würdigt insbesondere Brandts Einsatz als Schlichter bei politischen Auseinandersetzungen: „Ich konnte seine Fähigkeit bewundern, den Kern eines Konfliktes schnell zu erkennen und die Streithähne mit weiser Engelsgeduld zur Ruhe zu bringen.“ Auch deshalb betont Fritz Riege: „Der Schock über Brandts Rücktritt 1974 sitzt bei mir heute noch tief.“ Michael Regehly

Von Michael Regehly