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Celle Stadt Cellerin begibt sich auf die Spuren ihres Vaters
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Cellerin begibt sich auf die Spuren ihres Vaters
17:17 31.07.2014
Sigrid Kühnemann blättert in den Studien-Unterlagen ihres Vaters. Quelle: Wolfgang Gauder
Celle Stadt

Es war kein spontaner Entschluss, den Sigrid Kühnemann schließlich fasste. Sie trat im Juni gemeinsam mit Freunden eine Fahrt nach Breslau, Liegnitz und Jauer an, im Gepäck hatte die Cellerin die Doktorrolle ihres Vaters Hans Blechschmidt. Er hatte an der Philosophischen Fakultät der Universität Breslau studiert und dort 1933 zum Doktor phil. promoviert. Seinerzeit wurden die Urkunden noch stilvoll in Text und Schriftbild angefertigt, in eine Rolle eingehüllt und mit einem Siegel versehen ausgehändigt. Diese Rolle mit der Urkunde wollte sie der Universität zurückgeben, „wo sie hingehört“, wie sie meinte.

Kühnemann ist in Breslau geboren, dort hatten ihre Großeltern eine Papierfabrik. Durch den Krieg musste die Familie im Januar 1945 ihre Heimat verlassen und kam nach einigen Umwegen schließlich nach Celle. Dort unterrichtete ihr Vater über Land- und Viehwirtschaft bis er schließlich 1996 verstarb.

Schon vor Eintreffen in Breslau hatte Kühnemann die Universität über ihr Vorhaben informieren lassen. Gemeinsam mit dem Historiker Arno Herzig und Wolfgang Gauder, der die Übergabe fotografisch dokumentieren wollte, machte sie sich auf den Weg. Die kleine deutsche Gruppe wurde von wissenschaftlichen Mitarbeitern der Universität Breslau „sehr freundlich empfangen“, wie Kühnemann mit Nachdruck feststellt, „und auf das Herzlichste begrüßt“. Die Vertreter der Universität betonten mehrfach, dass man sich außerordentlich geehrt fühle.

So fiel es Kühnemann leicht, die nunmehr 81 Jahre alte Doktorrolle und das Siegel zu übergeben. Es hatte für sie schon seit jeher an ein Wunder gegrenzt, dass dieses Dokument die Flucht aus der schlesischen Heimat überstanden hatte. Darüber hinaus bedeutete die Rolle mit der Urkunde noch einen besonderen ideellen Wert für Sigrid Kühnemann. Sie wusste, dass ihr Vater bereits als 13-Jähriger seine Eltern verloren hatte und sich mühsam und mit viel Opferbereitschaft und Verzicht das Studium erarbeiten musste. Dennoch fühlte sie in diesem Augenblick, dass ihr Entschluss zur Rückgabe, den sie nach längerer Überlegung gefällt hatte, richtig gewesen ist.

Die wissenschaftlichen Mitarbeiter waren gerührt, zumal es die erste Rückgabe überhaupt war. Zum Dank durfte Kühnemann die gesammelten Studien-Unterlagen ihres Vaters, die vollständig im Archiv der Universität lagerten, einsehen. „Ich konnte meine Tränen nicht verbergen“, gesteht die zierliche Frau, „als ich den handgeschriebenen Lebenslauf meines Vaters in den Händen hatte“. Dieses Schriftstück und mehrere andere, von deren Existenz sie nicht gewusst hatte, bestärkten sie in ihrer Gewissheit, dass in der Universität der nunmehr polnischen Stadt Wroclaw das geistige Erbe der Deutschen wohl gepflegt wird.

„Ich empfand eine tiefe Dankbarkeit“, sagt Kühnemann. Beide Völker, das deutsche wie das polnische, können auf der Vergangenheit aufbauen. Diese war von vielen Höhen, aber ebenso zahllosen Tiefen geprägt, nun jedoch besteht die Möglichkeit der echten Überwindung aller Vorbehalte. „Das habe ich in der Universität Breslau, in derem Archiv die Unterlagen meines Vaters und nun seine Doktorrolle verwahrt sind, empfunden und dieses Gefühl möchte ich weitergeben“.

Von Udo Genth