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Celle Stadt Celles wilde Inseln
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celles wilde Inseln
14:41 30.06.2017
Von Michael Ende
Celle Stadt

Dabei ist diese Pracht eine bescheidene, eine, die unaufdringlich daher kommt, unspektakulär, naturnah, fast natürlich. „Wer perfekt gepflegte Rabatten sehen will, der wird in unseren Parks und auf den Friedhöfen fündig. Auf den Verkehrsinseln verfolgen wir ein ganz anderes Konzept“, sagt Jens Hanssen, Fachdienstleiter Grün-, Straßen- und Friedhofsbetrieb. So spare die Stadt auch Geld: „Dadurch, dass wir nicht einjährige Pflanzen ausbringen, sondern auf mehrjährige Pflanzengesellschaften setzen, müssen diese Flächen nicht so oft gärtnerisch betreut werden – dürfen sie auch gar nicht, denn wir warten zum Beispiel, bis sich an verblühten Stauden Samen gebildet haben und sie sich selbst wieder aussähen. Deshalb darf man diese Bereiche nicht oder nicht zu früh mähen.“

„Indian Summer“, „Perennemix Blütenschleier“, „Veitshöchheimer Blütentraum“, „Blütenzauber“, „Silbersommer“ – blumige Namen tragen die Mischungen, die auf Verkehrsrinseln und Kreisel-Zentren ausgebracht werden. „Dabei müssen die Pflanzen genau auf die jeweiligen Standorte abgestimmt sein“, erläutert Hanssen. In der Regel handele es sich um sonnige trockene Plätze: „Da wird es heiß, und der Boden ist sandig.“ Glücklicherweise gebe es Pflanzenmischungen, die das nicht nur ertrügen, sondern auch noch etwas fürs Auge seien: „Dort soll ständig etwas blühen. Aber auch vertrocknete Gräser entfalten im Herbst oder Winter ihren Reiz.““

Taglilie „Maikönigin“, Königskerze, Hainsalbei, Elfenkrokus, Scharfgarbe, Funkie, Sibirischer Blaustern, Zypressen-Wolfsmilch, Stauden-Mohn, Windröschen, Wildtulpe, Präriekerze, Storchschnabel, Habichtskraut, Hain-Anemone, Bergminze – etliche Dutzend verschiedene Arten werden so zusammengestellt, dass sie miteinander harmonieren. Hanssen setzt auf Vielfalt: „Keine Fläche soll exakt wie die andere aussehen. Alle sieben bis acht Jahre muss man überprüfen, ob gewisse Pflanzenarten andere verdrängen und gegebenenfalls nachsteuern, damit die Vielfalt erhalten bleibt. Doch vieles regelt die Natur auch selbst.“

Eckehard Bühring begrüßt als Naturschutzbeauftragter des Landkreises Celle den Trend zum „wilden“ Grün: „An vielen Straßen- und Wegrändern der Stadt Celle blühen jetzt die blaue Wegwarte die rosafarbene Gemeine Grasnelke, der gelbe Echte Steinklee, die Schwarze Königskerze, Echtes Johanniskraut, Feinstrahl und so weiter. Viele auffällige Wildblumen werden oft als Unkraut abgetan und entfernt, anstatt ihnen zum Beispiel einen besonderen Platz auf einer Verkehrsinsel zu verschaffen.“

Der rot blühende Klatschmohn sei von der „Loki-Schmidt-Stiftung“ zur Blume des Jahres 2017 gekürt worden, so Bühring: „Damit sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass Ackerwildblumen durch die intensivere Landwirtschaft zunehmend verloren gehen.“ Verkehrsinseln oder Straßenränder könnten mit einheimischen Blumen und Stauden naturnaher gestaltet werden als mit nicht-einheimischen, monotonen und unbelebten Bepflanzungen: „Auf Verkehrsinseln können bereits auf kleinem Raum neue wertvolle Lebensräume und Trittsteine für viele, auch wandernde Pflanzen- und Tierarten entstehen. Natürlich muss die Anpflanzung und Pflege der regionaltypischen Wildkräuter und Wildstauden fachgerecht durchgeführt werden.“

Werner von der Ohe, Leiter des Celler Instituts für Bienenkunde, beobachtet seit langem, wie sich die Landschaft verändert. Unter anderem durch Wohnbaugebiete, durch Einzelhandelszentren am Dorfrand und durch Umnutzung Agrarflächen sei es zu einem Rückgang an Nährpflanzen, die Bienen Pollen und Nektar liefern, gekommen: „Heutzutage bieten Großstädte wegen der vielen Gärten, Parks und vor allem den großen Baumbeständen eine bessere Nahrungsgrundlage für die Honigbiene als Dörfer und Agrarlandschaften auf dem Lande.“

Die durchgehende Versorgung mit Pollen und Nektar sei für für die Bienengesundheit wichtig,so von der Ohe: „Weiterhin sorgen wir uns um die Wildbienen, von denen tatsächlich zahlreiche Arten bedroht sind. Hauptursache sind fehlende Nistmöglichkeiten und Mangel an den richtigen Nährpflanzen. Einige dieser Bienenarten sind auf ganz bestimmte Pflanzengattungen angewiesen.“

Von der Ohe erfreut sich an den Celler Verkehrsrinseln: „Eine monotone Begrünung mit kurz geschorenem Rasen oder noch schlimmer, eine Bodenbedeckung mit Schotter- oder Mineralgemisch sind für die Bienen und andere Insekten nutzlos und auch für Naturliebhaber völlig unattraktiv. Ein schönes Beispiel von attraktivem Nahrungsangebot für Bienen war vor wenigen Wochen die Grünfläche unter der Lindenallee im Französischen Garten. Hier hatten die Bienen eine langanhaltende Blüte von zahlreichen Arten.“ Manche Grünfläche werde durch den Verzicht auf das Mähen für Insekten attraktiv, so der Experte: „Setzen sich bei der Verwilderung allerdings für Bienen unattraktive Gräser durch, sollte man durch Aufarbeitung und Einsaat von Blühmischungen gegensteuern.“