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Celle Stadt Cembalist Johan Brouwer und die Entdeckung der Langsamkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Cembalist Johan Brouwer und die Entdeckung der Langsamkeit
13:44 11.09.2017
Der niederländische Cembalist Johan Brouwer gab im Notenkeller einen Workshop. Quelle: Michael Schäfer
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Eines seiner vier so wunderschön klingenden wie aussehenden Cembali hat er mitgebracht, zusammen mit dem Veranstalter in den Keller gebracht, dort nachgestimmt und gerade begonnen, seine Philosophie des Cembalospiels zu erklären. Da heute kaum jemand ein eigenes Cembalo hat, war es für wohl für alle Gäste eine besondere Erfahrung, einmal auf einem solchen Instrument spielen zu können, dessen Tastatur optisch nah an einem Klavier oder einer Orgel ist, sich aber in Wirklichkeit ganz anders spielt. Und natürlich auch ganz anders klingt: Fast wie eine kleine Harfe nämlich.

Die Interessenten dieses Kurses kamen zu einem großen Teil von der Orgel und waren es gewohnt, mit einer gewissen Kraft die Tasten zu drücken. Beim Spielen eines Cembalos braucht man das aber nicht. Der glockenhelle und klare Ton dieses Instruments kommt schon bei der kleinsten Berührung.

Derjenige, dessen Spiel bei Brouwer das anfangs angeführte Kopfschütteln ausgelöst hat, hatte jahrelang nur noch Klavier und nicht mehr Orgel gespielt, war es also gewohnt, durch unterschiedlich starkes Drücken der Tasten einen unterschiedlich lauten Ton zu erzeugen. Genau das aber geht beim Cembalo nicht. An diesem Instrument ist jeder Ton gleich laut, ganz gleich mit wie viel Gewicht man spielt. Wie aber soll man dann die musikalische Struktur dem Hörer vermitteln können, wie den eigenen Ausdruckswillen durch die zu spielende Musik sprechen lassen?

Besagter Schüler wollte so spielen, wie er es vom Klavier gewohnt ist, und geriet nach wenigen Takten eines Bach-Menuettes ins Trudeln. Die Finger liefen ihm unkontrolliert weg. Vor allem hörte man nichts von dem, was er selbst und auch Brouwer hören wollte: Die vielen versteckten Melodien waren nicht zu erkennen im fast hektischen Gestolpere. Und als er dann ein geradezu mechanisch ablaufen zu scheinendes Bach-Präludium im rasenden Tempo andeutete, kam es zu Brouwers zitierter Aussage. Brouwer erläutert, wie es besser gehen könnte: „Geben sie jedem Ton, den sie eigentlich lauter spielen wollen, ein ganz klein wenig mehr Zeit, dann werden sie merken, dass sie Ausdruck in die Musik bekommen.“ Dem Einwand, dass das Stück dann automatisch langsamer würde, als der Schüler es als richtig empfindet, trat Brouwer mit entwaffnender Offenheit entgegen: „Ja und? Dann ist das eben das richtige Tempo.“

Mit ähnlicher Methodik ging Brouwer auch auf Fragen der Tempomodifikationen oder Verzierungskunst ein, die bei historischer Cembalomusik Gestaltungselemente von großer Bedeutung sind.

Von Reinald Hanke