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Celle Stadt Das 20. Jahrhundert aus Sicht des Opas aus Uetze
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Das 20. Jahrhundert aus Sicht des Opas aus Uetze
17:46 08.04.2016
Von Andreas Babel
Celle Stadt

In seinem Werk "Der kleine Adolf" hält sich der Autor, wie es seinem derzeitigen Wohnort Hamburg entspricht, hanseatisch vornehm zurück und überlässt seinem Großvater, den er lange Zeit bewundert hat, in seiner Erzählkunst den Vortritt. Adolf Amme wurde über 90 Jahre alt und so ist das Buch auch als Betrachtung des zurückliegenden Jahrhunderts aus der Perspektive des „kleinen Mannes“ zu werten. Achim Amme lässt seinen Opa nämlich reden, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. In zwei sehr langen Interviews und in mehreren anderen Gesprächen kommt so einiges zu Tage, was Adolf Amme rund um seinen Heimatort Uetze erlebt hat.

Beachtlich ist, dass die links-orientierte RWLE Möller Stiftung aus Celle dieses Buchprojekt gefördert hat, zumal der Protagonist keinen Hehl daraus macht, dass er während der NS-Zeit zunächst begeisterter SS-Angehöriger war. Doch er distanziert sich vom Regime, arrangiert sich aber damit. Nicht nur mit dem Makel der SS-Zugehörigkeit ist er behaftet – seine „weiße Weste“ hat noch zwei weitere große Schmutzflecken: Zum einen bedauert er es kurz vor seinem Lebensende, dass er seiner geliebten Frau zumindest in sexueller Hinsicht nicht treu bleiben konnte. Zum anderen bereut er es, bei eigenen Freundinnen, aber auch bei Frauen seiner Freunde eigenhändig Abtreibungen vorgenommen zu haben.

Trotz dieser Brüche in seiner Biografie verstehen der Großvater und sein Enkelsohn es, den "kleinen Adolf" so erscheinen zu lassen, dass er sympathisch wirkt. Gut, er geizt nicht mit Eigenlob, wenn es etwa um seine Manneskraft, seine „Bauernschläue“ und seine geschäftlichen Erfolge geht, aber es wird deutlich, dass Adolf Amme sich immer um seine Mitmenschen gekümmert hat.

Die Erlebnisse in den beiden Weltkriegen nehmen naturgemäß breiten Raum ein, auch wenn er sich einem Einsatz im Zweiten Weltkrieg durch Medikamenteneinnahme größtenteils entzieht. Für Zartbesaitete ist das Buch sicher nicht geeignet, da Adolf Timme sowohl mit seiner Sprache als auch mit der Auswahl der betrachteten Vorgänge nicht zimperlich, sondern sehr direkt ist. Er wiederholt natürlich auch einiges, aber das wirkt authentisch und stört überhaupt nicht.

Einige ausgewählte Anekdoten: Seiner Schwiegermutter in spe aus Bröckel verkauft er minderwertige Seife, ohne zu wissen, wem er diese unbrauchbare Ware angedreht hat. Er gesteht es ihr aber, als er erfährt, wessen Mutter sie ist. 1927 kauft sich Amme ein Motorrad in einem Geschäft am Großen Plan in Celle, ohne Geld zu haben. Per Telefon holt der Geschäftsinhaber Erkundigungen über seine Zahlungsfähigkeit ein. Amme bekommt das Motorrad und muss nur 100 Mark anzahlen. Bei Opel Maussner in Celle kauft er sich 1938 den „Olympia“. Er hat aber gar keinen Führerschein. Vom Verkäufer lässt er sich bis zur Blumläger Kirche bringen. Von dort aus fährt er alleine weiter.

Adolf Amme war Bienenzüchter, betrieb eine Mosterei und eine Wäscherei, machte eine Ausbildung als Kinobetreiber und hatte auch einen landwirtschaftlichen Betrieb. Er war vor allem eines: Ein Mensch mit Stärken und Schwächen.

Achim Amme liest aus dem Buch am Donnerstag, 14. April, 20 Uhr, in Celle, Kunst & Bühne, Nordwall 46; Eintritt: 6 Euro (Abendkasse), Schüler und Auszubildende frei.