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Celle Stadt „Der Gott des Gemetzels“ feiert im Celler Schlosstheater erfolgreich Premiere
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Der Gott des Gemetzels“ feiert im Celler Schlosstheater erfolgreich Premiere
17:59 09.11.2014
Eine Begegnung zweier Elternpaare gerät außer Kontrolle: Verena Saake, Tanja Kübler, Thomas Wenzel, Dirk Böther (von links) in „Der Gott des Gemetzels“. Quelle: Benjamin Westhoff
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Wenn die Fassade der Wohlerzogenheit zunehmend bröckelt, eine Dame auf einen wertvollen Kokoschka-Bildband kotzt, Tulpensträuße im Wutanfall zerfetzt werden und ein entrissenes Handy im Blumenkübel landet, dann rechnet man nicht damit, dass sich zwei kultivierte Ehepaare gerade mitten in einem klärenden Gespräch über eine vorangegangene Prügelei ihrer präpubertären Söhne befinden. Doch genau das passierte am Freitagabend bei der Premierenvorstellung von Yasmina Rezas Erfolgskomödie „Der Gott des Gemetzels“ auf der Hauptbühne des Schlosstheaters:

Bruno hat gepetzt, und Ferdinand hat ihm bei einer Racheprügelei zwei Schneidezähne ausgeschlagen. Die Eltern der beiden Elfjährigen treffen sich bei Kaffee und Kuchen, um ganz sachlich, tolerant und „wie es sich für kultivierte Menschen gehört“, über den Vorfall zu sprechen. Dabei berufen sie sich beschwörend auf ihre „Kunst des zivilisierten Umgangs miteinander“. Hier Véronique (Verena Saake) und Michel (Dirk Böther), die Eltern des „Opfers“, dort Annette (Tanja Kübler) und Alain (Thomas Wenzel), die Eltern des „Täters“.

Regisseur Stefan Behrendt hat mit sehr viel Feingefühl und hemmungsloser Situationskomik deren letztlich beschämenden Versuch inszeniert, den Zwist mit den Mitteln gesellschaftlicher Umgangsformen beizulegen. Mit einem guten Blick für die jeweils beschriebene Situation ist es ihm dabei gelungen, den zunehmend ins Pharisäische umkippenden Besänftigungseifer glaubwürdig in Szene zu setzen. Die anfängliche Harmonie geht im Rum baden, und schrittweise verlieren die Protagonisten ihre Beherrschung. Aus Sticheleien werden Wortgefechte und Schuldzuweisungen, daraus wiederum Schrei- und Bezichtigungsorgien und schließlich körperliche Attacken und Handgreiflichkeiten.

Die gutbürgerliche Beschaulichkeit wandelt sich zum verbalen Schlachtfeld, der Tonfall wird immer gereizter. Die emanzipierte Schriftstellerin Véronique („Ich lebe mit einem Mann zusammen, der an seinem mittelmäßigen Lebensstil nichts ändern will“) und der sich als Choleriker erweisende kleinbürgerliche Kaufmann Michel („Jetzt, da wir Sie kennen, müssen wir Ihrem Sohn mildernde Umstände attestieren“) ergreifen zwar ebenso Partei für ihren Bruno wie die harmoniebedürftige Vermögensverwalterin Annette („Von morgens bis abends hängt mein Mann an seinem Handy, dieses Handy zerhackt unser ganzes Leben“) und der zynische Pharma-Winkeladvokat Alain, der die Wildheit seines Sohnes gutheißt („Es braucht eine gewisse Zeit, bis man Gewalt durch Recht ersetzen kann“), für ihren Ferdinand. Aber der eigentliche Anlass für das Treffen gerät zunehmend in den Hintergrund, als mehr und mehr auch die Beziehungen der beiden Paare untereinander provokant und rücksichtslos infrage gestellt werden.

Regisseur und Darsteller nutzten mit spürbarem Vergnügen die dramaturgische Ergiebigkeit der sich in den ehelichen Verbindungen auftuenden Risse, tobten sich leidenschaftlich aus in den zerbeulten Gefühlen und den bisweilen haarsträubenden Pointen und bewiesen ein exzellent gutes Händchen für die leise Ironie und lauten Knalleffekte dieses privaten „Friedensgipfels“, an dessen Ende sich die Paare als vierköpfiges Häufchen Elend präsentierten. Das war gekonnte Dialogregie und hohe Schauspielkunst. Und das Publikum war begeistert.

Von Rolf-Dieter Diehl