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Celle Stadt Der Reiz der Nebensächlichkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Der Reiz der Nebensächlichkeit
15:34 09.02.2010
Der Rost frisst sich durch die Farbschicht, lässt sie aufplatzen – und entfaltet eine morbide Schönheit. Ruth Schimmelpfeng-Schütte hält solche vermeintlichen Nebensächlichkeiten im Foto fest. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
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Sie sind nicht bearbeitet und nicht gestellt, entstanden in Mexiko, Indien oder Celle, die fotografischen Bildwelten von Ruth Schimmelpfeng-Schütte, die im Mehrgenerationenhaus in der Fritzenwiese zu sehen sind.

„Es sind Fotos, die man macht, wenn man gut beobachtet“, sagt Schimmelpfeng-Schütte, die ein Jurastudium absolvierte, sich seit 1971 Fotoarbeiten und Malstudien widmet und seit 1992 Vorsitzende Richterin am Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen ist. Die eingefangenen Motive könne jeder sehen. Schimmelpfeng-Schütte aber genügt das Sehen allein nicht. Sie konserviert das lebendige Spiel von Farben und Formen, den Reiz der scheinbaren Nebensächlichkeit. „Faszination Müll & Co“ hat sie ihre Ausstellung genannt. Was die Strukturbilder neben ihrem ästhetischen Zauber mit Anmut offenbaren ist eine Ordnung und Harmonie, die die vermeintlich größte Unordnung, das Chaos des Mülls, als einen stimmigen Kosmos zeigt. Ohne Wertung gewinnt Entwertetes an Wert. Ähnlich Kindern, die im Unscheinbarsten eine Fülle erkennen, reagiert Schimmelpfeng-Schütte auf die leisen Rufe des Abseitigen. Offenheit, Wohlwollen, Unvoreingenommenheit, soziale Ordnung sind Stichworte, die auch angesichts des beruflichen Werdegangs Schimmelpfeng-Schüttes interessieren können.

Rund 38 Fotografien, deren weltweiten Augenblicke sich fast zu einem Bildtagebuch vereinen, zeigen Styropor (Sizilien) als zarte Grautonpalette, eine Symbiose von Farbe und Rost (Celle) oder eine sehr grafische „Folie im Baum“ (Magdeburg). Von der „Pfütze in Beckedorf“ ist Schimmelpfeng-Schütte immer aufs Neue angetan und deutet auf farbige Papierstückchen im modrigen Nass: „Es sieht doch aus wie eine kleine Welt“. Rose, Zigarette und „Berlin Hauseingang Prenzlauer Berg“ – das Foto lässt Geschichten, so vom endlos wartenden Lover, vorm geistigen Auge entstehen. Pampelmusenreste werden zu majestätischen Blüten, eine an den Strand gespülte gelbe Plastikschale zieht sich still ihre Komplementärfarbe heran und gibt sich als exotisches Meerestier von Mexiko. Blumenkohlblätter aus dem Spreewald machen einer Rose aus Hustedt Konkurrenz und ein Abrisshaus in Winsen wirkt geradezu graziös. Mandarinen im Spreewald lassen sogar Monets „Seerosen“ erblassen. Durch die bewusste Wahrnehmung werde die Welt schöner, meint Schimmelpfeng-Schütte. Aber sie warnt: „Man wird süchtig danach.“

Öffnungszeiten: Zu sehen bis zum 16. April im Mehrgenerationenhaus, Fritzenwiese 46, montags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr.

Von Aneka Schult