Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Derbe Dichtkunst polarisiert Publikum in Celler "Kunst & Bühne"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Derbe Dichtkunst polarisiert Publikum in Celler "Kunst & Bühne"
22:16 05.03.2017
Schaurig-schöne Moritaten: Gerhard Dicht trägt vor, Lars Stoermer begleitet ihn am Saxophon. Quelle: Oliver Knoblich
Celle Stadt

Ein Flattern, Simmern, Brummen und Klackern – es ist kaum zu glauben, was Lars Stoermer aus seinem Saxophon so alles für Töne hervorbringen kann. Schicht auf Schicht gelegt mit der Loopmaschine, entstehen so sphärisch dichte Kompositionen – mal fröhlich beschwingt, mal tragisch düster und ein deutliches Plus für den Abend. Damit schafft der Musiker die ideale Begleitung zu Gerhard Dichts „lyrischen Nahaufnahmen“ – am Wochenende in Celles Kunst & Bühne.

Auch Gerhard Dicht arbeitet schichtenweise in seinen „Geschichten-Gedichten“. Wie verbale Kartenhäuser reiht er Worte auf, stapelt, schichtet sie an und packt noch etwas oben drauf. So schafft er skurrile Konstrukte aus Alltäglichkeiten – aus An-Sichten und Momentaufnahmen entsteht seine Poetry, Wortverbindungen spinnen sich weiter zu gereimten Gespinsten: Da wird aus nachweihnachtlichen Gedanken – post Weihnachten gedacht – das Denken an die Weihnachtspost. Und aus den Innenansichten eines Gedichts – das Sinnen über Aufbau, Sinn und Zweck – die Erkenntnis „Ich geh dicht …“, komprimierte Erzählkunst, ganz nebenbei auch eine nette Wortspielerei mit dem eigenen Namen.

Das Zarte liegt dem Wortakrobaten nicht so sehr. Er mag das grob-deftige Visualisieren: Zahnschmerzen, die in der Notarztpraxis zum Grübeln über Privatversicherungsleistungen führen, Überlegungen über Baufestigkeit und Hygiene beim Verrichten der Notdurft in öffentlichen Toiletten, Tierarztalltag im, letztlich spektakulär endenden, Kampf um eine Kuh mit Verdauungsproblemen …

Eine Portion Eulenspiegel, ein bisschen ausgeliehene Derbheit von Wilhelm Busch – da darf es schon mal makaber werden, wie in der detailliert ausgemalten Geschichte über den Abt, dem ein herabfallender Eiszapfen „die Fontanelle spaltet“, ja durch Hirn bis zum Hals und weiter eingedrungen ist und dem Betroffenen abstruse Gedanken über „Wie werd ich das los?“ abringt, bis die „Abt Teilung“ den Leidenden erlöst. Einmal wird er tatsächlich zum Thema Bankenaffäre kabarettistisch.

Die Begeisterung der Zuschauer im halbbesetzen Kulturlokal schien ebenso gespalten – die einen amüsierten sich über die schaurig-schönen Moritaten, die anderen fanden den Grat zum Banal-Ekligen dann doch überschritten. Die Dichtkunst Gerhard Dichts polarisiert – für Empfindlichkeiten gibt es bei ihm wenig Platz. Und ein Blick in die Fäkalienecke scheint eine gewisse Anziehung auf ihn auszuüben.

Vielleicht aber ist das auch nur der spielerische Schalk im Nacken, seine Zuhörer zu brüskieren und wohlig zu schocken mit Themen, die man sonst kaum in den Mund zu nehmen wagt. Erst mal auf die Spur gebracht, scheint sich der Dichter fast darin zu wälzen – erlaubt ist, was gefällt, und mit Sicherheit gewinnt man dadurch eine spezielle Note. Zum Schluss gab‘s versöhnlich kreative Wortblubberblasen.

Von Doris Hennies