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Celle Stadt Diabolisches Vergnügen mit gnadenloser Heiterkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Diabolisches Vergnügen mit gnadenloser Heiterkeit
16:41 25.04.2013
Hatten mit Wilhelm Rudniggers - „Blumengebeten“ treffliche Motive - ausgewählt: - Helmut Thiele - (Rezitation) und sein Partner Bernd-Christian Schulze (Klavier). Quelle: Alex Sorokin
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Mit einer gelungenen Kombination aus Sprache und Musik ließen sie eine Flut von Bildern in den Köpfen der Zuhörer entstehen, die sich wie von selbst peu à peu zu Kurzfilmen zusammenfügten. Ob beim „Hahnenkampf“, der nervenden Fliege oder bei der Geschichte von dem für morbides Chaos sorgenden Unglücksraben Hans Huckebein, als Thiele Buschs gnadenlose Heiterkeit, von dramatisch gesteigerter Klaviermusik beflügelt, in einen akustischen Comic-Strip verwandelte. Ein wahrlich diabolisches Vergnügen.

Es gelang Thiele immer wieder auf fesselnde Weise, die Stücke nicht einfach Ton für Ton zu parodieren, sondern atmosphärisch aufzuladen. Mit viel Einfühlungsvermögen realisierte er dabei die dramatischen Steigerungen. Da bekam man bei den „Blumengebeten“ geradezu Mitleid mit dem Kaktus, dem „Igel in der Flora“, in seiner Sehnsucht nach der Glätte der „Haut von zarten Damen. Amen.“ Oder mit dem Frauenschuh, als diese beliebte Orchidee mit dem Schicksal hadert, weil sie nie „einen zarten Frauenfuß beherbergen“ dürfe. Auch als Thiele in Selma Lagerlöfs „Christuslegende“ wortmalerisch beschrieb, wie das Rotkehlchen zu seinem Namen kam, gelang es ihm, die Vorstellungskraft des Publikums zielbewusst zu (ver)führen. Und Schulze war bei alldem nicht nur psychologischer Stimmungsmaler, sondern auch Virtuose einer Vielzahl trefflicher Soundeffekte und pianistischer Gebärden, die bisweilen die illustrierende Direktheit einstiger Stummfilmmusiken erreichten.

Von Rolf-Dieter Diehl