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Celle Stadt „Die Blechtrommel“ feiert Premiere in Halle 19 des Schlosstheaters
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Die Blechtrommel“ feiert Premiere in Halle 19 des Schlosstheaters
12:16 27.10.2017
Marius Lamprecht ist im Stück „Die Blechtrommel“ von Günther Grass in der Rolle des Oskar Matzerath zu sehen. Quelle: Torsten Volkmer
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Bilder- und sprachstark ist dieser Roman wie kaum ein anderer. Kein Wunder, dass es die sogenannte „Danziger Trilogie“ war, deren umfangreichster Teil „Die Blechtrommel“ ist, die Grass zum Literaturnobelpreisträger gemacht hat. Der Schlöndorff-Film hat seinerzeit fast die ganze Nation ins Kino gezogen. Die Bilder des Films, vor allem diejenigen mit dem jungen David Bennent als Oskar Matzerath, gehören heute zum kollektiven Gedächtnis der Republik. Da braucht es schon Mut, diesem Text und seiner so bekannten Verfilmung eine Theaterfassung zur Seite zu stellen, die den Text unter ganz anderem Blickwinkel auf die Bühne bringt.

Als Einpersonenstück von Oliver Reese steht ausschließlich Oskar auf der Bühne. Er erzählt und spielt das Stück aus der Perspektive des Oskar, der bei Grass und im Film als kleinwüchsiger Gnom daherkommt, der nicht nur trommelt, sondern mit seiner hohen Stimme auch Gläser zerspringen lässt. Wenn man diese Figur auf die Bühne bringt, dann muss man zunächst eine Lösung dafür finden, wie man die Kleinwüchsigkeit ins Theatralische übersetzt. Regisseur Andreas Döring hat Oskar von Schauspieler Marius Lamprecht zu einem Menschen mit motorischen Störungen umformen lassen. Dieser Oskar hat verdrehte Beine und kann nur eingeschränkt gehen. Seine Füße stehen leicht nach innen. Sie scheinen das Gegenteil von dem zu sein, was den Charakter dieser Figur ausmacht. Dieser Oskar will sich nämlich nach außen artikulieren während die Füße nach innen gehen.

So einfach ist das aber nicht. Denn alles, was er erlebt hat, was er in seinem Kopf, Geist und Bauch mit sich trägt, das hat ihn so deformiert, dass ihm das Leben schwer geworden ist. Auf der Bühne lässt er Szenen deutscher Geschichte der Vorkriegszeit anklingen. Aber vor allem spielt er seine späten Reaktionen auf das, was ihn geprägt hat. Insofern steht er als Repräsentant für einen typischen Deutschen auf der Bühne. Von der eigenen Geschichte nur scheinbar gebrochen, letztlich von einer enormen Lebenskraft.

Marius Lamprecht macht das beeindruckend gut. Während er sich zwar am Anfang immer wieder mal in einen Sprechmodus rettet, der äußerlich einstudiert wirkt, so spielt er sich im Laufe der 75 Minuten zunehmend frei, findet immer wieder neue Facetten seiner Figur und lässt diese in all ihrer Brüchigkeit lebendig werden. Manchmal unterstützt ihn dezente Hintergrundmusik, die allerdings weitgehend im Dekorativen bleibt. Die Aufführung wurde zu einem theatralisch dichten Abend, dem das Publikum mit atemloser und konzentrierter Stille folgte.

Von Reinald Hanke