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Celle Stadt Die Do-it-yourself-Kirche in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Die Do-it-yourself-Kirche in Celle
16:57 01.09.2017
Die Freude am Singen und Musizieren zieht sich wie ein roter Faden durch das Gemeindeleben - hier Mitglieder des kleinen Posaunenchors bei der Probeab für den Radiogottesdienst. 10 Uhr überträgt NDR Info live aus dem Kirchsaal an der Hannoverschen Straße. Quelle: Christina Matthies
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Im Theodor-Harms-Haus summt es an diesem Abend wie in einem Bienenstock. Der Posaunenchor hat sich zur ersten Probe nach den Sommerferien eingefunden, gleich im Anschluss daran übt der kleine Kirchenchor und schließlich schneit auch noch Pastor Bernhard Mader ganz unverhofft zu einer kurzen Andacht herein. Der Grund für das ungewöhnlich volle Haus: Der Radiogottesdienst, den die Evangelisch-Lutherische Christusgemeinde Celle am morgigen Sonntag feiern wird – ab 10 Uhr überträgt NDR Info live aus dem Kirchsaal an der Hannoverschen Straße.

„Denkt dran – am Sonntag habt ihr Volumen“, ruft Chorleiterin Simone Düvel. „Wer uns im Radio hört, der soll sich denken: 'Was haben die bloß für einen riesigen Chor dabei'.“ Die versammelten Gemeindemitglieder lachen. Was die Zuhörer des Radiogottesdienstes morgen nämlich nicht sehen werden: Die Celler Christusgemeinde, die zur Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche gehört, ist klein – sie hat zurzeit nur 84 Mitglieder. „Wir sind vom Staat unabhängig“, erklärt Pastor Bernhard Mader. Die Gemeinde finanziere sich nicht über Kirchensteuern, sondern durch Spenden. „Das führt dazu, dass wir eben Vieles einfach selber machen müssen.“

So ist zum Beispiel der Altar im kleinen Kirchsaal, in dem die Christusgemeinde sonntags zusammenkommt, selbst gebaut, die bunten Fenster des Saales von einem Gemeindemitglied selbst bemalt. Und eben deswegen leitet Simone Düvel nicht nur den Kirchen- sowie den Posaunenchor, sondern spielt bei den Gottesdiensten auch noch Orgel und Klavier. „Ich mache hier quasi einen vollen Kantorenjob“, sagt sie schmunzelnd. Düvel sei in der Celler Christusgemeinde aufgewachsen, dort getauft, konfirmiert und getraut worden. „Durch den familiären Halt hier tragen wir uns gegenseitig – wir sind eine sehr lebendige Gemeinde, trotz ihrer Größe.“

Auch Chorsänger Hans-Joachim Helm weiß die Überschaubarkeit seiner kleinen Gemeinde zu schätzen: „Hier kennt jeder jeden, nichts verschwindet in der Anonymität“, meint er und erzählt von dem Hauskreis, den das Ehepaar Helm mit vier weiteren Paaren nun schon seit 40 Jahren abhält. „Wir treffen uns immer reihum bei einem von uns zu Hause.“ Gemeinsam mit dem Pastor werde zunächst Bibelarbeit gemacht, dann gehe es um Zeitgeist-Themen. „Wir sprechen zum Beispiel über schon mal über den Islam“, so Helm. Nach so vielen Jahren kenne man einander, vertraue sich vieles an. „Wir lachen auch sehr viel miteinander.“

Die Proben des Kirchenchors aber liegen Helm ganz besonders am Herzen. „Was gibt es Schöneres, als Gott mit seiner Stimme zu loben?“, fragt er. Kurz darauf erklingt das bekannte Kirchenlied „Allein Gott in der Höh' sei Ehr“ – und als die Stimmen der Sängerinnen und Sänger den kleinen Kirchsaal erfüllen, denkt man wahrhaftig, der Chor bestünde aus viel mehr als nur den zehn Mitgliedern, die da an diesem Abend im Theodor-Harms-Haus auf ihren Stühlen sitzen. Auch Chorleiterin Düvel ist zufrieden. „Wir haben gut geübt – was den Radiogottesdienst betrifft, bin ich ganz entspannt.“

Die Idee, einen Hauptgottesdienst der Celler Christusgemeinde im Radio übertragen zu lassen, sei im Kirchenvorstand entstanden, berichtet Mader. „Wir haben überlegt, wie wir uns, trotz wenig 'Manpower' mit einer Veranstaltung zum Reformationsjahr einbringen können. Und wie ginge das besser als mit einem lutherischen Gottesdienst nach alter Tradition – gesungen und mit von Luther geprägten Worten?“

Von Christina Matthies