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Celle Stadt „Die Gelehrtenrepublik“ als Lesung in der Celler Residenzhalle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Die Gelehrtenrepublik“ als Lesung in der Celler Residenzhalle
15:12 07.02.2012
schmidt-matinee, DIE GELEHRTENREPUBLIK. - (vl). Khristina Rohde und Thomas Wenzel. Quelle: Alex Sorokin
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Da kann jeder von den Qualitäten der anderen profitieren. Während man im Geschäftsleben gerne von einer win-win-Situation redet, so könnte man hier sogar versucht sein, von einer win-win-win-Situation zu sprechen. Wenn da nicht ein kleiner Haken wäre, der darin bestand, dass Rauschenbach nur als Dramaturg in Erscheinung trat und gar nicht selbst las, sondern das Lesen zwei Schauspielern des Schlosstheaters überließ. Die machten das keineswegs schlecht, aber eben doch nicht so gut, dass das über gut achtzig Minuten hätte tragen können. Und eine solch lange pausenlose Zeit einem gelesenen Arno-Schmidt-Text zuzuhören, das ist schon etwas ganz Spezielles. Man muss wohl schon fast Schmidt-Anhänger sein um daraus großen Gewinn ziehen zu können. Da das Publikum wohl zu einem großen Teil genau dieser Spezies zuzurechnen war, kam die sonntägliche Arno-Schmidt-Matinee recht gut an. Für einen neutralen Zuhörer blieb allerdings manches zweifelhaft.

Da stellt sich zunächst die Frage, inwiefern sich ein Ausschnitt aus der „Gelehrtenrepublik“ für eine solche Lesung eigentlich eignet. Ein erzählerischer Bogen ist bei Schmidt schwer zu erkennen, von den Vorlesenden demzufolge auch kaum vermittelbar. Schmidts Texte leben nicht in erster Linie von Spannungsbögen, die einer Klimax zugeführt werden. Und somit hat jedes Ende einer solchen Lesung etwas Beliebiges und Unbefriedigendes. Da müsste man als Leiter einer solchen Lesung noch viel stärker in die Struktur des Textes eingreifen um auf einer Lesebühne eine optimale Wirkung zu erreichen.

Zieht man in Betracht, dass das eben nicht geschehen ist, so ist es umso erstaunlicher, dass die Qualität dieser Lesung als Ganzes doch ziemlich hoch war. Zu verdanken war dies vor allem der Lesekunst Thomas Wenzels, der viel mehr Facetten aus seinen Textanteilen herausholte als seine Kollegin Christina Rohde, die phasenweise, gerade in der ersten halben Stunde, wenig Präsenz zeigte. Da rettete sie sich immer wieder in Manierismen oder Staatstheaterpathos. Im Laufe der Veranstaltung wurde Rohde zwar immer intensiver, fand aber nur selten Zugang zu der bei Schmidt so häufig anzutreffenden Mehrdeutigkeit. Wenzel hingegen brillierte immer wieder mit unterschwelliger Ironie, mit einem Infragestellen des gerade Gelesenen durch die Intonation. Schlagartige Ausdrucksänderungen, gekonnte Tempowechsel, Gefühl für mögliche Steigerungen: Wenzel ist ein Schmidt-Leser höchster Qualität. Dass die Sache als Ganzes dann doch nur bedingt überzeugte, lag an der Vortragsfassung, die noch mehr als einen Strich hätte vertragen können.

Von Reinald Hanke