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Celle Stadt Die Herrin des Turms
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Die Herrin des Turms
13:14 17.06.2011
Doris Sasum Celler Marienkirche Quelle: Martina Hancke
Celle Stadt

CELLE. Hinter ihr an der Wand prangt ein prächtiges Bild vom Celler Schloss, in der Ecke hängt ein Monitor, um sie herum liegen Infomaterial und Andenken-Becher. Von März bis Dezember, von dienstags bis freitags und am Sonnabend sieben Stunden lang hält Sasum hier die Stellung – ehrenamtlich.

„Ich mache das gern“, sagt die gebürtige Cellerin schlicht und strahlt dabei eine gemütliche Gelassenheit aus. Nebenbei wirft sie einen Blick auf den Bildschirm, der ihr die Turmbläserstufe zeigt. Hier tritt Helmut Lorchheim zweimal am Tag hinaus an die Brüstung, um auf seiner Trompete zu spielen.

„220 Stufen sind es bis dort und ganz nach oben 235“, sagt Doris Sasum. Während ihrer Zeit hat es zum Glück nie ernsthafte Zwischenfälle gegeben. Ein Notarzt würde es auf der engen Wendeltreppe mit dem Transport auch schwer haben. Fälle von Höhenangst hat Doris Sasum schon erlebt. So war einmal eine junge Frau nicht mehr zu bewegen, wieder vom 50 Meter hohen Turm hinab zu steigen. Schließlich half Küster Ralf Pfeiffer weiter. Er beruhigte die Frau, verband ihr mit seinem Pullover die Augen und führte sie dann die Stufen hinunter.

Besuch vom Fernsehen erhält der Turm, der 1913/14 erbaut wurde, in regelmäßigen Abständen; denn der Blick über die Dächer Celles ist ein einmaliges Motiv. Auch der Aufstieg hält Überraschungen parat. Auf der ersten Station sind die Wände vom Illusionsmaler Thomas Lüttig gestaltet und zeigen Szenen aus der neueren und älteren Geschichte der Kirche. Wer genau hinschaut, sieht die weiße Taube mit Turnschuhen, die sich auch auf einer der Uhrschlagglocken findet: Sie symbolisiert den Heiligen Geist, der ganz bodenständig unter uns weilt. Die Friedensglocke mit ihren acht Tonnen ist ebenso beeindruckend wie das alte Weule-Uhrwerk von 1896.

Ein paar Jährchen möchte Doris Sasum den Job schon noch machen. Auch wenn sie, die Herrin vom Turm, noch nie selbst oben war. Die freien Aufstiege ohne Wand sind der 60-Jährigen nicht ganz geheuer. „Und ich will ja nicht für immer da oben bleiben“, sagt sie und schmunzelt.

Von Martina Hancke