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Celle Stadt "Die Physiker" im Celler Schlosstheater: Tieferer Sinn nicht erkennbar
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Die Physiker" im Celler Schlosstheater: Tieferer Sinn nicht erkennbar
22:18 15.01.2017
Hohes Sprechtempo (von links): Gintas Jocius als Newton, Gerold Ströher als Möbius, Tanja Kübler als Doktor Mathilde von Zahnd, Felix Meyer als Einstein und Jürgen Kaczmarek als Oberpfleger. Quelle: Alex Sorokin
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Als Friedrich Dürrenmatt 1962 sein Theaterstück „Die Physiker“ veröffentlichte, befand sich die Welt mitten im Kalten Krieg. Unter dem Eindruck der Berliner Mauer schien ein Atomkrieg zwischen den Großmächten in gefährliche Nähe gerückt. Was damals geradezu nach einer künstlerischen Auseinandersetzung schrie, ist auch heute noch hochaktuell. Die Atombombe, der Einsatz biologischer Waffen, Genmanipulation und Datensammelwut im Internet mögen als Stichworte genügen. Die Wissenschaft ist nicht mehr zu stoppen.

Skurriles scheint dem Schweizer Dramatiker Dürrenmatt die beste Grundlage für seine bitterernst gemeinte Geschichte: drei Physiker im Irrenhaus. Möbius, einer der drei Patienten, hat eine Formel gefunden, die zur totalen Zerstörung der Welt führen könnte. Zum Schutz der Menschheit hat er sich in das selbst gewählte Gefängnis zurückgezogen. Die beiden anderen, die sich als Newton und Einstein ausgeben, sollen ihm im Auftrag zweier Geheimdienste die Formel abjagen. Aber sie haben nicht mit der einzig wirklich Irren gerechnet, der Anstaltsleiterin Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd, „der schlimmstmöglichen Wendung“. Hinzu kommen drei Morde an Krankenschwestern, die sich in die Physiker verliebt hatten und den wahren Sachverhalt ahnten.

Bühnenbildnerin Kerstin Laube hat dazu einen ganz in unschuldigem Weiß gehaltenen, sterilen Raum geschaffen, der genügend Platz für Spielmöglichkeiten schafft und mit Gittern unaufdringlich das Gefühl einer geschlossenen Anstaltsatmosphäre verstärkt. Das Geschehen behält zwar die ernsthafte Problematik der wissenschaftlichen Verantwortung im Blick, pendelt aber auch in durchgehend hohem Sprechtempo, das der akustischen Verständlichkeit nicht immer dienlich ist, unschlüssig zwischen Komödie, Slapstick und Tragödie und büßt so viel an Fallhöhe ein.

Über Strecken hinweg ergibt sich ein kurzweiliges und unterhaltsames Theaterstück, ohne dass jedoch der tiefere Sinn erkennbar wird. Gintas Jocius macht als Newton eine gute Figur und Gerold Ströher als Möbius wirkt in diesem Rahmen geradezu seriös. Thomas Wenzel raucht genüsslich seine E-Zigarre und würde als Kriminalinspektor jedem Fernsehkommissar Ehre machen. Tanja Kübler, immer ein wenig unwirsch gegen ihre Patienten, ist als Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd eher eine überreizte Domina als eine mitfühlende Irrenärztin, ehe sie schließlich ihr Geheimnis preisgibt.

Gute schauspielerische Leistungen insgesamt, aber in der Inszenierung zu oberflächlich, um der Aussage dieses Werks gerecht zu werden. Schade. Freundlicher Beifall dennoch am Schluss.

Von Hartmut Jakubowsky