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Celle Stadt Dosen und Tütensuppen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Dosen und Tütensuppen
16:50 27.12.2011
Celle Stadt

Es ist immer schon spät, wenn Tanja (Name von der Redaktion geändert) an der Wohnungstür gegenüber klingelt, um sich Taschenrechner, Geodreieck, Atlas oder einen Marker zu leihen. Hin und wieder schnorrt sie sich auch eine neue Tintenpatrone. Am Abend sind die dort wohnenden Jugendlichen mit ihren Hausaufgaben fertig und Tanja kann sich an ihre eigenen machen. „Die Leute sind nett und hilfsbereit, aber es ist ein doofes Gefühl, sie so oft um etwas bitten zu müssen.“ Dass die Siebzehnjährige in so vielen Dingen auf die Hilfe anderer angewiesen ist, macht sie wütend - aber auch zielstrebig. „Ich will so schnell wie möglich auf eigenen Füßen stehen.“

Tanja lebt seit einigen Wochen alleine in einer kleinen Wohnung, angegliedert an eine Teenager-Wohngruppe, betreut vom Jugendamt. Die andauernden Streitigkeiten in ihrer Familie hatten sich zu handfesten Auseinandersetzungen entwickelt, bis Tanjas Vater seine Tochter einfach vor die Tür setzte und ihr seither jeden Zutritt und jedes Gespräch verweigert. Polizei und Jugendamt haben dafür gesorgt, dass das Mädchen zumindest ihre Kleidung und ihre persönlichen Sachen ausgehändigt bekam – zwei Plastiktüten voll, die zeigten, wie weit die jahrelange, elterliche Vernachlässigung ging.

„Für meine Eltern gibt es nur ihre Tiere. Die sind lieb und dankbar für Futter und Streicheleinheiten. Mein Bruder und ich liefen immer so nebenher und mussten alleine sehen, wie wir klar kommen. Boris ist schließlich abgehauen und hat sich ein neues Leben, weit weg, aufgebaut. Ich konnte das gut verstehen – auch ich wollte gehen, sobald ich die Schule und Ausbildung fertig gemacht habe. Nachdem mein Vater mich rausgeschmissen hat, hatte ich erst keinen Plan wohin. Keine Sachen, kein Geld in der Tasche – aber trotzdem war ich irgendwie froh, dass ich da raus war.“

Bei einer Freundin durfte Tanja zuerst einmal wohnen. Deren Mutter verständigte auch das Amt, und dieses sorgte schließlich für eine neue Unterkunft. „Hier hab ich es ruhig und trocken,“ sagt Tanja – ein Zuhause ist die kaum möblierte Miniwohnung aber längst noch nicht. Es fehlt an fast Allem: Von Haushaltsgegenständen, über ausreichender Kleidung bis hin zu Schulmaterial. Jugendhilfe und Sozialhilfemittel wurden, soweit möglich, schon ausgeschöpft, reichten aber nur für die Wohnung und die Mindestmöblierung. Mit finanzieller Unterstützung durch die Eltern kann Tanja nicht rechnen, da diese selbst von Sozialhilfe leben.

„Zu Weihnachten bin ich von meiner Freundin und deren Familie eingeladen worden – da gab es leckeres Essen, auf das ich mich schon sehr gefreut hatte,“ erzählt die Siebzehnjährige, die sich sonst von Tütensuppen und Dosen ernährt. Mit ein paar Postern aus abgelegten Zeitschriften an der Wand, einer bunten Decke und ein paar geschenkten Kissen hat sich Tanja eine kleine Wohlfühlecke gebaut.

Trotz der Kargheit ist sie stolz auf ihre neue Wohnung und sieht zuversichtlich in die Zukunft. „Das wird schon noch alles. Hauptsache ist für mich die Schule und meine Ausbildung. Ich will das schaffen und eigenes Geld verdienen. Bis dahin ist es mir egal ob ich abgetragene Sachen anhab oder mir Dinge leihen muss. Ich bin ich über jede Hilfe froh und dankbar.“

Von Doris Hennies