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Celle Stadt Ehemaliger Celler "Gestüter" präsentiert neuen Roman
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ehemaliger Celler "Gestüter" präsentiert neuen Roman
09:35 03.03.2017
Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

Das vorliegende Buch ist kein Krimi, es schließt an Hesses Romandebüt „Aus welchem Grund auch immer“ von 2001 an. Darin bleiben zwei Menschen aus unerklärlichen Gründen am Ende buchstäblich auf der Strecke. „Der Diversant“ erzählt im großen Bogen und detailreich von einem zwischen Ost und West und Ost zerstörten jungen Leben in den 1950er und 60er Jahren. Ein Leben, in dem reale Ortschaften wie Osendorf, Döllnitz, Lochau oder Ammendorf eine Rolle spielen, etwa die Gegend von Halle und Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Ein für die Nachrichtenwelt unbedeutender Einzelfall. Wir erfahren davon nur, weil der Betroffene, dessen Jugend und beginnendes Erwachsenenleben einst zerstört wurde, sich erst im Rentenalter gegenüber dem wesentlich jüngeren Autor dieses Romans offenbart, mit dem er verwandt ist.

Ein Diversant? Ein Staatsfeind? Das ist sicher zu viel der Ehre. Es ist die Geschichte eines so-genannten „Normalos“, eines ganz und gar durchschnittlichen Jugendlichen, der in der DDR aufgewachsenen ist. Ein recht aufgeweckter, vielleicht begabter, viel zu argloser, oft verprügelter, manchmal ausgepeitschter Junge, genannt Meiner. Die Eltern sind geschieden. Trotz aller eifrigen Bemühungen sich systemkonform zu verhalten, bekommt er bis zum 17. Lebensjahr kein Bein auf die Erde. Alle noch so kleinen Perspektiven werden ihm zerschlagen. Bis er eines Nachts kopf- und planlos, impulsiv, er war ohne Schul- und Ausbildungsabschluss bei den DDR Grenztruppen gelandet, mal eben in die Büsche austreten geht und in den Westen flieht. Doch kann er nicht Fuß fassen. Wieder völlig blind, sucht er sein vermeintliches Heil im ebenso waghalsigen Rückzug dorthin, wovor er geflohen war. So gerät er unweigerlich in die Mühlen der DDR-Grenzpolizei, der Stasi und hinter Gitter.

Schließlich haben die 25 Nachwendejahre ein großes Schweigetuch auch über diese frühen Demütigungen und Verwundungen gebreitet, bis der alte Meiner schließlich dem um eine Generation jüngeren Westverwandten seine Jugendgeschichte erzählt, quasi beichtet. Der eigentliche Roman, dann wahrscheinlich ein fiktiver, verbirgt sich unter dem mitgeteilten Bericht der Jugendjahre, das lässt mich dies lohnende Buch auf subtile Weise erahnen. Es ging mir nach der Lektüre eine Weile nicht mehr aus dem Kopf, dies Leben.

"Der Diversant" erscheint am 20. März unter der ISBN 978-3-8270-1319-4 im Berlin Verlag und kostet 20 Euro.

Von Oskar Ansull