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Celle Stadt Ein Rundgang durch die Welt Arno Schmidts im Celler Bomann-Museum
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ein Rundgang durch die Welt Arno Schmidts im Celler Bomann-Museum
09:37 03.05.2014
Jan Philipp Reemtsma neben der Vitrine mit Arno Schmidts legendärer grüner Lederjacke. Das kleine Foto zeigt einen Blick in einen der berühmten Zettelkästen von Arno Schmidt. Quelle: Alex Sorokin (2)
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Als „Wegweiser für Einsteiger“ und „Wundertüte für Kenner“ deklariert das Bomann-Museum die Geburtstagsausstellung zum Hundertsten von Arno Schmidt (1914-1979), die am Sonnabend um 17 Uhr eröffnet wird. Die exakt einhundert Exponate sollen jedoch nicht allein sein Werk in den Mittelpunkt stellen, sondern – mit einer „Mixtur aus diversen Lebensdetails“ – auch und vor allem den Menschen Arno Schmidt, wie Jan-Philipp Reemtsma, Vorsitzender der Arno-Schmidt-Stiftung, in einem Pressegespräch erläuterte: Die Ausstellung sei „ein Rundgang durch die Welt, die der Autor sich selbst errichtet hat“. Angefangen bei seinem kleinen Teddy aus der Kindheit über ein handgeschnitztes Rindenschiffchen bis hin zu Schreibmaschinen, einem bis zum letzten Rest hinuntergeschriebenen Bleistiftstummel („Zeugnis einer radikalen Hingabe an das eigene Werk“) und seiner legendären grünen Lederjacke, die noch heute wie zu seinen Lebzeiten an der Garderobe seines Hauses in Bargfeld hängt und nur für diese Ausstellung ausnahmsweise vom Haken genommen worden ist.Manuskripte, Gedanken und Zitate ergänzen die Utensilien, darunter treffliche Beispiele für Schmidts merkwürdige Prosaformen und eigenwillige Rechtschreibungen („Kann= Arien=Vogel“). Aber auch Standpunkte und Kommentare sowohl seiner Bewunderer als auch seiner Kritiker. „Arno Schmidts Sprache hat die Schönheit, Kühle und Schlüssigkeit mathematischer Formeln“, wird beispielsweise – bezogen auf seinen Roman „Laviathan“ – aus einer Rezension zitiert. Schmidts Erzählung „Brand’s Haide“ wiederum wurde seinerzeit in einer Kritik als „unüberbietbare Sprachverschluderung“, an anderer Stelle gar als „pathologisches Gekritzel“ bewertet. Wer sich darüber ein eigenes Urteil bilden möchte, kann in speziell eingerichteten Lese-Ecken in den wichtigsten Werken des „sprachmächtigsten, innovativsten und provozierendsten Autors der Nachkriegszeit“ und „einer der faszinierendsten Figuren der deutschen Literaturgeschichte“, die „schon zu Lebzeiten die literarische Öffentlichkeit spaltete“, stöbern. Dazu schweben auf einer Rundleinwand inmitten des Raums 100 Schmidt-Wörter über der Ausstellung. Hundert Wörter, die einzeln aufgerufen werden können und dem Besucher verraten, wo und wie der Autor diese Begriffe in seinen Publikationen verwendet hat.Auch Schmidts berühmten Zettelkästen, die sonst aus konservatorischen Gründen grundsätzlich unter Verschluss bleiben, sind Teil der Ausstellung und daher allein schon Grund genug für einen Besuch. Sie bildeten seinerzeit die Grundlage für sein wegen der klanglichen Assoziationen und der ungewöhnlichen Orthografie fast unlesbares Monumentalwerk „Zettels Traum“, einem „genialen Balanceakt zwischen seinen unaufhörlich nach Kumulation verlangenden Gedanken und der beständigen Suche nach Ordnungskriterien“. Aber auch mit darin enthaltenen „Frechheiten, lustigen Wortspielen und kleinen Lüsternheiten mit Pfiff“.

Von Rolf-Dieter Diehl