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Celle Stadt Ein deutsch-französisches Drama
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ein deutsch-französisches Drama
14:46 07.02.2015
e Hinterlassenschaft Vacquier Diese zwei Marien-Medaillen, eine Metallmarke und ein Zigarettenetui, die Helmut Richter im Nachlass seines Vaters entdeckt hatte, brachten ihn schließlich auf die Spur der Familie Vacquier in Frankreich. Metallplakette und Marienmedaillen, die nach 90 Jahren an die Familie Vacquier zurückgegeben wurden. Quelle: unklar
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„Glücklich eingekleidet – bald mehr“

Seine Einstellung ist jedoch „wegen Überfüllung nicht möglich“. Erst nach mehreren weiteren Anfragen klappt es endlich, fern der Heimat beim 1. Brandenburgischen Dragonerregiment No. 2 in Schwedt. Am 2. Oktober kann er seiner Mutter stolz berichten: „Glücklich eingekleidet, bald mehr – Johannes“.

Zur gleichen Zeit meldet sich in Frankreich André Vacquier zum Kriegsdienst fürs Vaterland. Im Gegensatz zu Richter ist Vacquier bereits ein gestandener Mann von 41 Jahren, verheiratet, Vater von zwei kleinen Töchtern, und der Kriegsausbruch reißt ihn aus einem erfolgreichen Berufsleben als Rechtsanwalt. Er lebt gut situiert mit seiner Familie in dem kleinen Ort Montignac in der Dordogne. Wie Richter war er gleich nach der Schulzeit zur Armee gegangen, wo er sich nach sechs Jahren zum Leutnant der Reserve hochgedient hat.

Und so geht es im August 1914 für ihn auch gleich los. An der Spitze einer Kompanie kämpft Vacquier zunächst in der Region Pont-à-Mousson, einer kleinen lothringischen Stadt an der Mosel, gegen die Deutschen. Man bescheinigt ihm Führungsqualitäten, großen Kampfgeist und Opferbereitschaft. Doch mehrere, zum Teil schwere Verwundungen, setzen ihm zu. Zu Hause bangt seine Familie um ihn. Zwei Marienmedaillen, die Vacquier immer bei sich trägt, sollen ihn vor dem Schlimmsten bewahren.

Während ehemalige Klassenkameraden reihenweise schon in den ersten Kriegsmonaten fallen, verbringt Johannes Richter seine Zeit mit kavalleristischen Übungen, Putzen und Stallwachen. Erst Anfang 1915 kommt er ins Feld, zunächst nach Nordfrankreich, dann nach Russland. Seine Familie – Mutter Lina, vier Geschwister und eine weitläufige Verwandtschaft – versorgt ihn mit Briefen und Liebesgaben, so gut sie kann, und bittet um Gottes Beistand für den „lieben Jungen“. Und der übersteht tatsächlich alle Gefahren. Doch aus dem unbedarften Schüler wird innerhalb weniger Jahre ein Mann, dem man seine „Lebenserfahrung“ ansieht.

Als der Krieg im Osten gewonnen scheint – am 3. März 1918 schließt Russland in Brest-Litowsk Frieden mit dem Deutschen Reich – wird Johannes Richter, inzwischen zum Leutnant befördert, wieder an die Westfront versetzt. Sein neues Einsatzgebiet: die Vogesen im Elsass unweit Gebweiler, wo sich Deutsche und Franzosen inmitten einer atemberaubenden Gebirgslandschaft gegenüberliegen. „Die Gegend ist ja ganz herrlich, im Frieden hier zu wohnen muß ein reines Vergnügen sein“, meldet er begeistert nach Hause. Aber noch ist im Westen kein Frieden in Sicht. Als Führer eines Stoßtrupps bricht Leutnant Richter am frühen Morgen des 30. August zu einer Aufklärungspatrouille hinter die feindlichen Linien auf.

Auch André Vacquier, jetzt Capitaine (Hauptmann), ist im August 1918 in den Vogesen stationiert. Von dort schreibt er am 29. einen Brief an seine Frau, „meine teure Babette“, in dem er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht: „Möge Gott uns den Sieg schenken und uns beschützen“. Am nächsten Morgen bricht er mit etwa sieben Mann zu einer Patrouille entlang des Zaunes auf, der die französischen Stellungen schützt. Er wird nicht mehr zurückkehren.

„Du willst meinen Leutnant würgen!“

Eine alte Feldzeitung berichtet, was sich nun zugetragen hat: Richter und sein Trupp haben sich einen Weg durch den Stacheldraht geschnitten und liegen auf französischer Seite auf der Lauer. Acht Franzosen, an der Spitze mehrere Offiziere, nähern sich „in lebhafter Unterhaltung“. „‚Näher – näher – und los!‘ schrie der Leutnant, brach auf den Weg hinaus, schoß einen nieder und griff mit der Linken einen anderen an die Kehle, um ihn lebendig zu fangen.“ Drei seiner Soldaten feuern ebenfalls auf die Franzosen, die zunächst, da schlecht bewaffnet, die Flucht ergreifen. Zurück bleibt nur der Hauptmann.

Der ringt noch mit dem deutschen Leutnant: „Es war ein schwerer, starker Mann, der den leichten Deutschen auf die Wegeböschung niederdrückte und ihn heftig würgte. Richter wollte anfangs nicht schießen – man wollte den Franzosen lebend gefangen machen – später konnte er nicht mehr.“ Da eilen ihm die anderen zu Hilfe. „Bergmann sah seinen Leutnant in Not, lief herbei und schoß dem Hauptmann zwei Kugeln durch den rechten Arm. Der Franzose ließ nicht los und nestelte eben seinen Revolver heraus, als Suchantke ihm das Ding aus der Hand schlug, ihn anschrie: ‚Du willst meinen Leutnant würgen‘ und ihn durch den Kopf schoß, den er zur Seite drängte, um Richter nicht zu gefährden.“

Danach ziehen sich die Deutschen zurück. Ihnen sind wichtige militärische Unterlagen in die Hände gefallen, der Oberbefehlshaber ist zufrieden. Die Leiche des Hauptmanns, die sie mitgeschleppt haben, wird auf deutscher Seite beigesetzt. Richter nimmt einige Dinge an sich, die der Franzose bei sich trug, darunter zwei Marienmedaillen sowie eine Metallplakette mit der Inschrift: „Capt. Vacquier, Montignac Dordogne“.

Keine Nachricht mehr von André. Élisabeth ist beunruhigt. Ihr Brief an ihren Mann vom 7. September kommt als unzustellbar zurück. Es dauert eine Weile, bis sie erfährt, dass er vermisst wird. Doch erst im Februar 1919 kommt die offizielle Todesmeldung von deutscher Seite, und es dauert ein weiteres Jahr, bis seine Familie erfährt, wo er begraben liegt. Élisabeth beschließt, die sterblichen Überreste ihres Mannes in die Heimat überführen zu lassen. Am 12. Mai 1921 wird er auf dem Friedhof von Montignac feierlich beigesetzt. Élisabeth wird nie wieder heiraten. Die Töchter Germaine und Marguerite wachsen ohne Vater auf.

Die Richters in Göttingen dagegen bekommen ihren Sohn und Bruder lebend zurück. Johannes Richter studiert, macht als Jurist Karriere, wird NSDAP-Mitglied und Beamter im Reichskirchenministerium in Berlin, bevor er wieder – diesmal für sechs Jahre – in den Krieg zieht. Auch diesmal überlebt er, muss sich aber aufgrund seiner NS-Vergangenheit danach eine neue Existenz aufbauen: Sein restliches Berufsleben ist er als Rechtsanwalt in Celle tätig. Mit 82 Jahren stirbt er in einem Göttinger Altersheim. Ob ihn das Vogesenerlebnis später noch innerlich beschäftigt hat, wissen wir nicht. Aber die Medaillen des Capitaines behielt er sein Leben lang.

André Vacquier und Johannes Richter – eine kurze, heftige, schmerzhafte Begegnung, die mit dem Tod des Franzosen endete. Wären sich die beiden im zivilen Leben und zu einer anderen Zeit begegnet, hätten sie sich vielleicht ganz gut verstanden.

„Ein Moment, der uns allen sehr naheging“

September 2007: Fast 90 Jahre nach dem fatalen Zusammentreffen in den Vogesen setzt sich Helmut Richter an den Computer und schreibt einen Brief an das Bürgermeisteramt von Montignac. Ob wohl Nachfahren eines Capitaine Vacquier zu finden seien? Er würde ihnen gern die Marienmedaillen zurückgeben, die er von seinem Vater geerbt habe. Sohn Helmut, mein Vater, hatte den alten Feldzeitungsartikel gelesen und den Zusammenhang zu diesen besonderen Erbstücken hergestellt. Wenig später erreicht der Brief den Geschäftsmann François Leroux und dessen Kusine Élisabeth, die noch lebenden Enkel André Vacquiers, in Paris.

Leroux beschließt, nicht nur das ungewöhnliche Rückgabeangebot anzunehmen, sondern auch den Menschen, der es gemacht hat, persönlich kennen zu lernen. Und so kommt es, dass an einem Juninachmittag 2008 die Enkel von André Vacquier und die Kinder von Johannes Richter – Schwester Erika ist auch gekommen – um meines Vaters Couchtisch bei Kaffee und Kuchen zusammensitzen. Anschließend erfolgt die Übergabe der wertvollen Stücke, „ein Moment, der uns allen sehr naheging“, wie sich Leroux erinnert.

Besonders ergriffen ist Leroux davon, dass das ferne deutsch-französische Kriegsdrama ihn gerade zu der Zeit einholt, als seine Enkeltochter Noémie geboren wird. Noémie ist das erste Kind von Sohn Matthieu und Anke, einer Deutschen. Die Sache lässt Leroux nicht mehr los. Er fängt an zu recherchieren, trägt alles zusammen, was er über seinen Großvater, dessen Familie und die Todesumstände herausfinden kann. Ein kleines Buch entsteht. Mit meinem Vater bleibt er in Kontakt, bis dieser im Juli 2014 stirbt.

Im November 2014 besuche ich mit François, Kusine Élisabeth und deren Enkelin Hélène die Eröffnung einer kleinen Ausstellung zum Ersten Weltkrieg in Loivre, einem kleinen Nest nördlich von Reims. François Leroux stellt mich verschiedenen Leuten vor und erläutert den historischen Hintergrund unserer Bekanntschaft. Ein bisschen komisch fühlt sich das schon an. Doch alles ist gut. Man freut sich, dass ich da bin, und ich freue mich auch. Und was für eine Freude wäre es wohl für meinen Vater gewesen, wenn er es noch erlebt hätte. In einem Brief an Leroux nach dessen Besuch im Juni 2008 schrieb er, der sonst nicht gerade zu Pathos neigte, bewegt: „Lassen Sie mich Ihnen [...] sagen, wie glücklich ich bin, dass diese schrecklichen Zeiten der Vergangenheit angehören und dass offenbar wenigstens wir Europäer die Lehren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gezogen haben.“

Von Sonja Richter