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Celle Stadt Einbruch in sexuelle Tabus
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Einbruch in sexuelle Tabus
18:05 28.04.2013
Glänzt mit vielen Facetten als Melchior: Torsten Flassig Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

So war sie also, die Zeit vor mehr als hundert Jahren, als die Sitten noch hart und die Lehrer streng waren und es weder Film und Fernsehen gab noch Internet und Youtube und schon gar nicht Wikipedia und Facebook. Mehr denn je war damals der Übergang ins Erwachsensein für Jungen und Mädchen ein riesengroßes Abenteuer und ein gewaltiges Problem für die mit der Erziehung beschäftigten Mütter. Kein Wunder also, dass die Sprösslinge mit Fünfzehn noch an den Klapperstorch glaubten und daran, dass man Kinder nur kriegte, wenn man verheiratet war.

Mit Frank Wedekinds gesellschaftskritischem Drama „Frühlings Erwachen“ taucht das Schlosstheater tief in die sexuellen Befindlichkeiten unserer Altvorderen und in die pubertäre Neugier der Teenies von gestern. Moritz ist nicht nur der schlechteste Schüler seiner Klasse, sondern durch seine „ersten männlichen Regungen“ auch stark verunsichert. Diese und andere Dinge des Lebens erklärt ihm sein aus liberalem Hause stammender Mitschüler Melchior. Vergeblich – an den elterlichen Ansprüchen und am schulischen Druck geht Moritz zugrunde.

Probleme hat auch die vierzehnjährige Wendla. Sie findet sich in ihrer neu erwachten Gefühlswelt nur schwer zurecht. Ihrer Mutter gelingt es nicht, eigene Schamgrenzen zu überwinden und ihre Tochter angemessen aufzuklären. Als sie schwanger wird, veranlasst ihre Mutter eine Abtreibung. Sie endet tödlich.

Bei allem dramatischen Geschehen und bei aller Gesellschaftskritik Wedekinds, mit der er in hartnäckig verteidigte, sexuelle Tabus einbricht, und bei aller Kritik an verlogener bürgerlicher Moral – Experimente wagt Regisseur Michael Knof nicht. Und dennoch gelingt ihm eine ansprechende Inszenierung, in der er mit Gespür für Humor und Poesie die Geschichte dicht am Wedekind’schen Text erzählt. Parallelen zur Gegenwart allerdings muss der Zuschauer alleine finden und dabei auch die Frage beantworten, welchen Gewinn er aus der inzwischen doch schon angestaubten Handlung heute noch ziehen will. Alexander H. Schulz hat dazu ein Bühnenbild gebaut, das mit Projektionen in Schwarz-Weiß schnelle Ortswechsel erlaubt und mit einer steilen Schräge das Spiel auf zwei Ebenen ermöglicht.

Als umtriebiger, aufgeklärter Gymnasiast mit einer großzügig denkenden Mutter (Petra Friedrich verkörpert sie mit mütterlicher Fürsorge und warmer Menschlichkeit sehr überzeugend) glänzt mit vielen Facetten Torsten Flassig als Melchior. Raphael Seebacher gibt seiner Rolle als Moritz ausgesprochen sympathische Züge und zwischen jugendlicher Neugier und elterlichem Druck ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit. Seltsam hölzern und mit nur geringer Sprachdeutlichkeit agiert dagegen Magdalena Maria Smieja in ihrer zentralen Rolle als Wendla. Ihre Mutter ist mit offenkundiger Überforderung in der Erziehung der Tochter Stefanie Lanius und gut besetzt sind auch die kleinen, weiteren Rollen. Lebhaften Beifall gab es deshalb für alle am Schluss.

Von Hartmut Jakubowsky