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Celle Stadt Eine Frage des Gewissens
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Eine Frage des Gewissens
14:20 26.02.2012
Claudia Frost (Antigone) und Maik Evers (W‰chter) Quelle: Torsten Volkmer
Celle Stadt

Die Kleine Residenzhalle ist nicht zuletzt die Bühne für Experimente des Schlosstheaters. Ein besonders interessantes Beispiel war jetzt bei der Premiere der „Antigone“ von Sophokles zu beobachten – spannend, aber auch riskant.

Der Stoff ist Jahrtausende alt, das Thema aktuell wie eh und je: Soll man sich auch dann stets an die Buchstaben des Gesetzes halten, wenn die innere Stimme widerspricht, mag man sie nun Gottesglaube nennen, Moral oder Gewissen? Für Antigone eine klare Sache – sie bestattet den im Kampf gefallenen Bruder Polyneikes, obwohl der thebanische König Kreon eben dies verboten hat, weil er den Toten für einen Vaterlandsverräter hält. Auf frischer Tat ertappt, zeigt sich Antigone, delikaterweise die Nichte Kreons und die Verlobte seines Sohnes Haimon, alles andere als einsichtig. Das Unheil nimmt nun endgültig seinen Lauf, am Schluss wird es gleich mehrere Leichen zu beklagen geben.

Ausstatterin Christina Huener hat eine dreiteilige Bühne entworfen. Das Reich Antigones ist im Wesentlichen ein nicht gar zu schickes Sofa, dasjenige Kreons ein ebenso schlichtes wie imposantes Portal. In der Mitte bildet eine Arena den Ort, wo sich die Konflikte zuspitzen, mitsamt einem umgestürzten Kühlschrank, der unter anderem zu Antigones Grabgewölbe wird. Die Kostüme sind heutig, und eher zeitgemäß wirkt auch der Sektkonsum, gepflegt besonders von Ismene, die nachher ganz schön einen im Kahn hat – kein Wunder, fühlt sie sich doch zwischen Pflichtbewusstsein, Angst und Liebe zur Schwester Antigone hin- und hergerissen.

Der spektakulärste Einfall von Regisseur Benjamin Westhoff ist die Einbindung von professionellem Figurenspiel. Maik Evers, der Darsteller des Haimon, schlüpft auch in die Maske des überdimensionalen Wächters beziehungsweise Boten. Birte Hebold, hauptsächlich als Ismene zugange, führt außerdem die mittelgroße Figur des Sehers Teiresias und streift die Handpuppe über, die für den Sekretär steht.

Das hat einen ausgeprägten Zauber und birgt zugleich eine große Gefahr. Die von Esther Falk gestalteten Figuren sind phantastisch, insbesondere der Wächter mit seiner leicht morbiden Ausstrahlung, und sie werden gekonnt bedient. Doch die Abstraktionsebene muss hier haarfein erwischt werden, und das gelang bei der Premiere (noch) nicht immer. Dann wurde der Sprachduktus punktuell doch etwas zu künstlich, und den Puppensekretär während eines Dialogs zwischen Kreon und Haimon im Hintergrund eine kleine Show über einem Schachbrett abziehen zu lassen, ist schon fast ein Stockfehler: Erstens lenkt es ab, und zweitens entsteht der Eindruck des Drolligen, an dem hier niemand ernsthaft gelegen sein kann.

In ihren Rollen als Ismene und Haimon agieren die Figurenspieler sehr solide, Hebold könnte allerdings etwas sparsamer in der Andeutung von Gestik sein. Schön, dass die beiden Hauptfiguren nicht plakativ angelegt sind und facettenreich dargestellt werden. Claudia Frost ist als Antigone zugleich mädchenhaft, verbohrt und anrührend, während Matthias Windes Kreon keineswegs nur als Unsympath über die Rampe kommt – hier steht ein Mensch, der sich um die Macht nicht gerissen hat und nun zwischen Blutsbande und politischem Kalkül entscheiden muss.

Ein weiterer Pluspunkt ist die überwiegend stimmungsvolle Musik von Jens Rathfelder. Nach rund 75 Minuten viel Beifall. Man kann seine Zeit gewiss erheblich sinnloser verbringen als mit diesem Theaterbesuch.

Von Jörg Worat