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Celle Stadt Emotionsgeladene Aufführung in der Celler Stadtkirche
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Emotionsgeladene Aufführung in der Celler Stadtkirche
13:42 27.03.2017
„Ein Deutsches Requiem“ von Johannes Brahms wurde in der Stadtkirche Celle zu einem Genuss mit viel Einfühlungsvermögen, hier Bariton Albrecht Pöhl. Quelle: Alex Sorokin
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Unter der präzisen Leitung von Stephan Doormann gelang der Stadtkantorei und der Hannoverschen Hofkapelle sowie den Gesangssolisten Ania Vegry (Sopran) und Albrecht Pöhl (Bariton) eine emotionsgeladene Aufführung. Mit sicherer Hand und filigraner Detailarbeit und doch gelöst und unverkrampft steuerte Doormann die Musiker durch dieses von Brahms als Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit und dem Lichtblick auf die Auferstehung gedachte Werk. Er ließ an keiner Stelle Unpräzises zu und schuf eine Zartheit, die unantastbar war. Dabei verstand er Tempo und Dynamik in meisterlichen Abstufungen zu handhaben, ließ der Musik Raum, ließ sie fließen und natürlich atmen und bewies dabei sein ausgeprägtes Gespür für sinnliche klangfarbliche Reizwirkungen. Auch da, wo sich in den aufblühenden, aufjubelnden oder aufbegehrenden Passagen („Die Erlöseten des Herrn …“) die Spannung über ein gelösteres Tempo zu entladen beginnt, ging er mit dramaturgischer Finesse vor.

So wusste nicht nur das Orchester mit seinen sorgfältig austarierten Dynamik-Abstufungen und großer Differenzierungskunst zu begeistern. Auch der Chor, deklamatorisch korrekt und textdeutend zwischen Pianissimo und Forte, zwischen leidenschaftlicher Kultur des Leisen und rauschhaftem Aufblühen, zwischen zartestem Klanggewebe und wuchtigster Klangsprache changierend, schenkte dem Publikum ein Erlebnis, das ebenso tröstend wie atemberaubend war. Es war berührend schön, zu erleben, wie sich der Bogen ohne oberflächlichen rührseligen Betroffenheitsgestus vom Leid zur Freude spannte, etwa als im zweiten Satz das „Freude und Wonne werden sie ergreifen“ nicht nur klangschön und geschmeidig, sondern geradezu jugendlich-schlank und ohne Pathos vorgetragen wurde.

In dieses rundum überzeugende Gesamtbild fügten sich die Solisten bruchlos ein. Es war ein Genuss, mit wie viel Einfühlungsvermögen Vegry das Sopransolo „Ihr habt nun Traurigkeit“ vortrug, wie sie die melodischen Wendungen auf der Basis überlegener Technik ohne jedes Atemproblem souverän und mit einem Höchstmaß an Emphase auszugestalten verstand, selbst dort, wo Doormann ein wenig forcierte wie in der Zeile „Sehet mich an“, um damit den Gestus der an dieser Stelle noch intensivierten Anrede zu unterstreichen. Nicht minder überzeugte auch Pöhl mit seiner vollen Stimme und den klar ausformulierten Höhen, etwa bei „Tod, wo ist dein Stachel“.

So gestaltete sich im musikantischen Zusammenwirken aller Beteiligten ein empfindsam austariertes Gefüge, in dem meditative Betrachtung und dramatisches Geschehen sich die Waage hielten und das Publikum immer wieder eindrucksvoll und ausdrucksstark mit dem diesem Requiem innewohnenden Erschütterungspotenzial konfrontiert wurde. Zwischen den ergreifendsten Todesklagen („Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“), dem Aufschrei im hohen „a“ der Soprane („Nun Herr, wes soll ich mich trösten?“), der glaubensgewissen frohen Stimmung („Wohl denen, die in deinem Hause wohnen“) und der triumphalen Siegesgewissheit („...und die Toten werden auferstehen“) mischten die Solisten, Instrumentalisten und Choristen die musikalische Essenz aus Zagen, Sehnsucht, Standhaftigkeit und Gewissheit zu einer wahrhaft mitreißenden und am Ende mit viel Beifall bedachten Interpretation. Eine Interpretation, die zu einem emotional mitteilsamen Singen voller kultivierter Durchschlagskraft geriet.

Von Rolf-Dieter Diehl