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Celle Stadt Erfolgsstück „Eine Familie“ feiert Premiere im Celler Schlosstheater
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Erfolgsstück „Eine Familie“ feiert Premiere im Celler Schlosstheater
21:48 08.02.2015
Johann Schibli, Morgane Ferru, Ulrich Gall, Eva-Maria Pichler, Michèle Breu, Josephine Raschke (von links) spielen eine amerikanische Familie, bei der es zu Streitereien und besonderen Erlebnissen kommt. Quelle: Benjamin Westhoff
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Tracy Letts Stück „Eine Familie“ im Celler Schlosstheater: Das lässt zunächst Vorfreude aufkommen, gilt doch dieses Stück als Erfolgsstück. Allerdings: Wenn man den Text liest, kommen erste Zweifel. Es handelt sich um eine amerikanische Familiensaga, in der man sich gegenseitig mit Lust fertig macht und dabei ganz aus dem Auge verliert, um was es im Leben eigentlich geht. Die ganze Machart des Stückes erscheint sehr amerikanisch und dabei wenig realitätsbezogen auf hiesige Verhältnisse. Dabei zeigt der Autor auch eine humoristische Ader, aber eben auf eine sehr spezielle Weise, nämlich mit einem Hang zum schwarzen englischen Humor und mit viel Zynismus. Immer wieder wird man schon beim Lesen überrascht von brillanten Dialogen.

Der Kern des Problems mit dem Stück: Die Tatsache, dass solch brillant geschriebene Passagen überraschen, verweist schon darauf, dass der Rest des Stückes ganz anders ist. Das Stück hat Längen ohne Ende, weshalb man am liebsten schon beim ersten Lesen mindestens die Hälfte streichen würde.

Die Figuren sind grell überzeichnet. Von Glaubwürdigkeit keine Spur. Das Celler Leitungsteam hat zum Glück erkannt, dass dem Stück mit psychologischem Realismus nicht beizukommen ist. Aber auch der eher das Farcenhafte des Stückes betonende Umgang von Regisseur Jasper Brandis funktioniert nur bedingt. Die Celler Aufführung im originellen Bühnenbild mit drehbarem Minihaus von Marina Stefan kann das fragwürdige Stück nicht retten, aber es ist gelungen, eine Aufführung zustande zu bringen, die viel besser ist als das Stück.

Regisseur Jasper Brandis hat zu Recht in seiner Inszenierung auf Tempo gesetzt. Und er lässt nicht selten auch parallel sprechen. In dieser „Familie“ wurde jahrelang nicht geredet, aber jetzt bricht es geradezu aus dem einen oder anderen Familienmitglied heraus. Zu sagen haben die Figuren aber meist nur Banales oder Boshaftes. Dafür davon aber umso mehr. Das kann nerven. Aber immer wieder ist hinter diesen Banalitäten manch Abgrund erkennbar.

Die vom Regisseur gesetzten Tempowechsel heben das hervor. Zwischen dem oberflächlichen Gequatsche und den wirklichen Befindlichkeiten klaffen Welten. In denjenigen Momenten, in denen die Szenen ruhiger werden, gewinnt die Glaubwürdigkeit die Überhand. Wenn es aber laut wird, viel zu häufig, dann entsteht eine exaltierte Überdrehtheit, die vielleicht für amerikanische Fernsehserien passend sein mag, für Theater in unseren Breiten aber eher problematisch ist. Trotzdem: Der Regieansatz von Brandis hat Hand und Fuß, auch wenn er nicht immer funktioniert.

„Eine Familie“ ist ein ausgesprochenes Ensemblestück. Katrin Steinke-Quintana als ältere Frau, deren Mann „abhanden“ gekommen ist, ist dann stark, wenn sie zu leisen Tönen findet. Dann geht ihr Spiel unter die Haut. Tochter Barbara findet in Eva-Maria Pichler eine glänzende Darstellerin. Sie legt ihre Rolle in den ersten Akten so leicht an als spiele sie Boulevard, um dann im Schlussakt die Gebrochenheit ihrer Figur präzise herauszuarbeiten.

Überhaupt waren die schauspielerischen Leistungen fast durchweg im positiven Sinn beachtlich, im Einzelfall auch erstaunlich. Hervorzuheben sind noch Ingeborg Stübers vor Präsenz berstende Matti Fae und die stille Selbstverständlichkeit der indianischen Haushaltsfee von Michèle Breu. Viel Beifall, aber auch einige Irritationen. Beides berechtigt.

Von Reinald Hanke