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Celle Stadt Erloschene Stimen wiederbelebt
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Erloschene Stimen wiederbelebt
13:47 28.10.2016
Celle Stadt

Die Jahrzehnte alten Lieder haben auf Wachswalzen – dem Tonträger jener Zeit – den Krieg überdauert und lassen noch heute die emotionale Kraft der damaligen Sängerpersönlichkeiten hören. Sie heißen Manya, Basya und Rachmiel, um nur einige der verstummten Stimmen zu nennen, deren Lieder zwischen 1928 und 1941 von den Musikethnologen Sophia Magid und Moishe Beregowski in der damaligen Sowjetunion zusammengetragen und auf Wachswalzen verewigt worden sind. Im Jahr 2008 wurde dieser jiddische Liedschatz in St. Petersburg wiederentdeckt und veröffentlicht. Inge Mandos (Gesang), Hans-Christian Jaenicke (Geige) und Klemens Kaatz (Klavier und Akkordeon) treten als Trio „Waks“ mit den schon erloschenen aber wiederbelebten Stimmen in einen beseelten Dialog. Sie zollen den Originalstimmen dabei ihren Respekt, ohne in musealer Ehrfurcht zu erstarren, und arbeiten kreativ mit dem historischen Material, ergänzen, erweitern und umrahmen es. Diese kombinierte Musik machte im Konzert einzigartige Begegnungen mit einer vergangenen Welt möglich, in der der Terror der Stalinzeit und die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus die Menschen und ihre Musik prägten. Von verlorener Liebe bis zu sozialen Konflikten erzählten die Lieder, aber auch von Kampfesmut und Entschlossenheit. Die untergründige Traurigkeit der Sänger von einst und die lyrische Stimme von Inge Mandos bildeten dabei eine harmonische Einheit. „Im musikalischen Dialog mit den Stimmen bauen wir eine Brücke zwischen Gestern und Heute“, betonte die Sängerin.

Es gelang dem Trio mühelos, der Sehnsucht Flügel zu verleihen, aber auch der Nachdenklichkeit, der Hoffnung und der Liebe eine Stimme zu geben. So baute sich im Verlauf des Konzertes ein ständig zwischen Moll und Dur changierender Spannungsbogen auf. Ein Konzert, das unter die Haut ging und die Musik buchstäblich zum Erlebnis machte. Ein emotionsgeladenes Abbild der jüdischen Seele, voller Zärtlichkeit, Wärme und Leidenschaft. Und mitunter gipfelten die aus dem Leid und harten Leben des Volkes heraus entstandenen Lieder in einem unmissverständlichen Trotz.

Von Rolf-Dieter Diehl