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Celle Stadt Ersatzmutti für türkisches Fohlen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ersatzmutti für türkisches Fohlen
18:10 03.11.2010
Wildpferd Ispartacus hat sich auch schon als Bauhelfer bewährt. Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

Ispartacus ist ein echtes Flaschenkind: Er wurde vor drei Jahren als blutjunges Fohlen mutterseelenallein in einem türkischen Nationalpark gefunden. Sein Vater ist der Chef einer Wildpferdeherde, seine Mutter wurde wahrscheinlich erschossen.

Marcus Peters aus Celle, der zu dieser Zeit in der Türkei war und dort für 19 Jahre lebte, nahm das Fohlen an sich und zog es dort mit der Flasche auf. Er benannte es nach alter deutscher Züchtertradition zum Teil nach dessen Vater und zum Teil nach dessen menschlicher „Ersatzmutter“: Der Vater hatte zwar keinen Namen, lebte jedoch im Nationalpark Isparta Gölcük. Kombiniert mit Peters’ Vornamen bekam das Fohlen den Namen Ispartacus.

Ein Bekannter namens Attila hatte Peters vor drei Jahren angerufen und ihn gefragt, ob er sich um das herrenlose Fohlen kümmern könne. Attila arbeitete an der Isparta Universität und gründete eine Ausbildungsstätte für Pferdewirte. Im Rahmen dieses Projektes arbeiteten Peters und er einige Jahre zusammen.

Als Attila bei Peters vorbeifuhr, war diesem mulmig zumute. „Es war das erste Mal, das ich Mutter wurde und es ist vermutlich sehr wenigen Männern beschieden, ein Kind an Mutter statt großzuziehen“, sagt Peters.

Das Fohlen wurde von Kadir, einem von Peters’ Reitschülern, ausgeladen. „Das Geschöpf, was Kadir in den Armen trug, war 18 Kilo schwer und vermutlich das hässlichste Fohlen, das ich je gesehen habe“, so Peters. Die Überlebenschancen des Fohlens waren sehr gering.

Doch Attila besorgte die passende Milch. Alle anderthalb Stunden musste Peters dem Fohlen die Flasche geben – jeweils drei Liter. Das führte bei Peters zu erheblichem Schlafmangel. Deshalb halfen ihm seine Arbeitskollegen bei diesem „Job“. So bekam Peters in den ersten zwölf Tagen wenigstens etwas Schlaf.

„Wie jede Mutter mit ihrem ersten Kind, habe natürlich auch ich Fehler begangen“, so der 45-Jährige. So hatte das Fohlen bereits am zweiten Tag Durchfall. „Das Auflegen des Sattels funktionierte dafür bereits nach vier Monaten“, sagt Peters. Die Gewöhnung ans Halfter gestaltete sich schwierig, das Longieren war dagegen einfach. „Hin und wieder haben wir auch Schubkarren gespielt“, schmunzelt Peters.

Geritten ist er auf Ispartacus noch nicht, denn er ist zu schwer für das zarte Pony. „Wer auch immer auf Ispartacus reiten wird – er wird es leichter haben als auf irgendeinem anderen Pony“, sagt Peters, der seit zehn Jahren seine Pferde selbst beschlägt und so viele Vierbeiner gepflegt hat, dass er sich nicht mehr an alle Namen erinnern kann. „Denn welches Pferd kann man schon an seinem Schwanz zu sich herziehen, um es dann auf die Nase zu küssen?“

Von Paul Gerlach