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Celle Stadt Ex-Celler war letzter Deutscher, der Nelson Mandela besuchte - Ein Nachruf
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ex-Celler war letzter Deutscher, der Nelson Mandela besuchte - Ein Nachruf
03:01 08.08.2018
Nelson Mandela Quelle: Alle Bilder: Dr. Michael Schaaf
Celle Stadt

Er war einer der letzten aus der „goldenen“ Generation von südafrikanischen Freiheitskämpfern, zu denen Walter Sisulu, Oliver Tambo und Helen Joseph zählten.

Sein Leben umspannte fast ein ganzes Jahrhundert. Als er am 18. Juli 1918 in einem kleinen Dörfchen in der östlichen Kap-Provinz geboren wurde, tobte im fernen Europe noch der Erste Weltkrieg.

Er stammte aus dem königlichem Geschlecht der Thembus, die zum Xhosa-Volk gehören. Er besuchte eine Missionsschule und studierte in Fort Hare Recht. Mit 23 Jahren ging er nach Johannesburg, um einer arrangierten Heirat zu entgehen. Dort lernte er schon bald den sechs Jahre älteren Walter Sisulu kennen, der ihn unter seine Fittiche nahm und sein politischer Ziehvater wurde. Er wurde Anwalt und gründete zusammen mit Oliver Tambo die erste schwarze Anwaltskanzlei des Landes. Er schloß sich der schwarzen Widerstandsbewegung Afrikanischer Nationalkongress (ANC) an und gründete 1944 deren Jugendliga. In den 50er Jahren organisierte er zahlreiche Protestaktionen gegen die diskriminierenden Apartheidsgesetze.

Durch sein charismatisches Auftreten gelang es ihm, den ANC von einem Debattierclub älterer Herren zu einer engagierten Protest- und Widerstandsorganisation zu transformieren. Nach dem Massaker von Sharpeville, bei dem im März 1960 dutzende unbewaffneter Demonstranten von der Polizei erschossen worden waren, ging er in den Untergrund und begann den bewaffneten Widerstand zu organisieren.

1962 wurde er verhaftet und im berüchtigten Rivonia-Prozeß zu lebenslanger Haft verurteilt. Die berühmten letzten Sätze seiner Erklärung vor Gericht stehen mittlerweile in jedem besseren Geschichtsbuch: „Ich habe gegen die weiße Vorherrschaft gekämpft und ich habe gegen die schwarze Vorherrschaft gekämpft. Mein teuerstes Ideal ist eine freie und demokratische Gesellschaft, in der alle in Harmonie mit gleichen Chancen leben können. Ich hoffe, lange genug zu leben, um dies zu erreichen. Doch wenn es notwendig ist, ist dies ein Ideal, für das ich zu sterben bereit bin.”

Den Großteil seiner Haft saß er auf der Gefangeneninsel Robben Island vor Kapstadt ab.

Mitte der 80er Jahre begann die zusehends isolierte weiße Regierung in geheimen Sondierungsgesprächen auszuloten, inwieweit sich eine Verhandlungslösung mit dem ANC unter Wahrung eines weißen Minderheitenschutzes erreichen ließe. Noch im Gefängnis kam es zu ersten Treffen mit Regierungsvertretern, die überrascht feststellten, daß aus dem Revolutionär inzwischen ein Staatsmann geworden war.

Im Februar 1990 wurde er schließlich nach 27jähriger Haftzeit entlassen. Einer der Gründe warum er nicht verbittert und haßerfüllt das Gefängnis verließ, lag zum einen wohl in der Tatsache, dass er in seiner Kindheit und Jugend keine traumatischen Erlebnisse mit Rassismus erlebt hatte. Hinzu kommt, dass er aus königlichen Geschlecht war und schon früh wusste, dass was von ihm erwartet wurde. Während seiner Gefängniszeit erkannte er, wie wichtig es ist, die Ängste und Schwächen seiner politischen Gegner zu verstehen und zu berücksichtigen, wenn man wirklich etwas erreichen will.

Als im April 1993 Chris Hani, ein ranghoher ANC-Führer, von einem weißen Extremisten ermordet wurde, stand das Land am Abgrund eines Bürgerkrieges. Es war Mandela und nicht der damalige Staatspräsident de Klerk, der in einer Fernsehansprache die aufgebrachte schwarze Bevölkerung zur Mäßigung aufrief und so Schlimmeres verhinderte. In zähen und von Gewalt überschatteten Verhandlungen kam es schließlich zu einer Einigung mit der weißen Regierung und im Mai 1994 wurde Mandela der erste frei gewählte schwarze Präsident Südafrikas.

Das Hauptziel seiner Amtszeitsah er darin, das tiefgespaltene Land zusammenzubringen. Mandela wußte um die Wirkung symbolischer Gesten, so etwa als er zu seiner Amtseinführungsfeier seinen ehemaligen Gefängniswärter einlud, sich zum Teetrinken mit der Witwe des Apartheid-Begründers Verword traf oder bei der Rugby Weltmeisterschaft 1995 das Trikot des weißen Kapitäns überstreifte. Der Entschluss nach nur einer Amtszeit nicht mehr zu kandidieren ist einer der Grundsteine seines Vermächtnisses. Seine größte staatspolitische Leistung besteht wohl darin, dass er ein Land, das er am Angrund stehend vorgefunden hatte, als stabiles Land hinterliess.

Nach dem Ende seiner Präsidentschaft 1999 widmete er sich neben der internationalen Friedensvermittlungen (so etwa in Ruanda oder im Fall Lockerbie) vor allem wohltätigen Zwecken. Er sammelte Spenden für dem Bau von Schulen und Krankenhäusern und gründete eine Stiftung, die sich um bedürftige Kinder kümmert. 2004 zog er sich dann mit den Worten „Rufen Sie mich nicht an, ich rufe Sie an!“ fast gänzlich ins Privatleben zurück.

Sein entschlossenes Eintreten für Versöhnung fußte auf der Wiederherstellung von Gerechtigkeit. Für einige seiner Kritiker (so u. a. seine zweite Frau Winnie) war er zu nachsichtig und versöhnlich. In ihren Augen sorgte er dafür, dass Weiße und Ausländer sich in der Post-Apartheidzeit komfortabel einrichten konnten, während die Zahl der in absoluter Armut lebenden Südafrikaner stetig steigt.

Sein Charisma, die berühmte „Madiba-Magic“, war berühmt. Wo immer er auftauchte jubelten die Menschen. Er war ihr Held, er war ihr Zusammenhalt. Mandela besaß keinerlei Standesdünkel und so kam es häufiger vor, dass er ein Hotel durch den Dienstboteneingang betrat und erst einmal das Reinigigungs- und Küchenpersonal begrüßte. Er besaß die seltene Gabe des Zuhörens und gab den Menschen, mit denen er spach, das Gefühl, dass sie etwas Besonderes waren.

In den letzten Jahren trat er nur noch selten ins Rampenlicht, so zuletzt beim Finale der Fußballweltmeisterschaft 2010. Er lebte zurückgezogen in seiner Stadtvilla in Johannesburg oder in der Nähe seines Geburtsortes. Der letzte deutsche Besucher, den er empfing, war weder die Bundeskanzlerin, noch der Botschafter oder ein Vorstandsvorsitzender, sondern der ehemalige Celler Justin Schaaf, der den Nobelpreisträger an dessen 92. Geburtstag 2010 seine Aufwartung machte.

Zahlreiche Krankenhausaufenthalte überschatteten seine letzten beiden Lebensjahre, so zuletzt im Sommer 2013, als er an einer schweren Lungenentzündung erkrankte. Er litt schon seit Jahren an den Folgen einer Tuberkulose, die er sich im Gefängnis zugezogen hatte.

Mit Mandela starb ein Staatsmann, der in seinem weltweiten moralischen Ansehen und der Bedeutung für sein Land wohl nur mit Mahatma Gandhi vergleichbar ist. Seine Autobiographie „Der lange Weg zur Freiheit“ ist zu etwas wie einem südafrikanischen Nationalepos geworden. Seit wenigen Tagen läuft die Verfilmung dieses Buches weltweit in den Kinos. Das Ringen um die Identität Südafrikas und das Vermächtnis seines größten Sohnes hat aber gerade erst begonnen.

Persönliche Bemerkungen:

Als ich am Freitagfrüh wie gewohnt um 6.00 Uhr das Radio anschaltete um die Nachrichten zu hören hörte ich die „Nkosi sikele i Afrika“, das alte Lied der Befreiungsbewegungen im südlichen Afrika und seit 1994 die südafrikanische Nationalhymne. Auf meinem Sender „Talk Radio 702“ wird sonst nie Musik gespielt und schon gar nicht die Nationalhymne. Ich wusste sofort, was das zu bedeuten hatte. Und tatsächlich, auf allen Radio- und Fernsehsendern liefen Sondermeldungen zum Tode Nelson Mandelas, der hier liebevoll bei seinem Clannamen „Madiba“ genannt wird. „Die Welt weint“ titelte die Johannesburger Tageszeitung „The Star“ über einem seitenfüllenden Photo des „Vaters der Nation“.

Ich fuhr sofort zu seinem Haus, das im benachbarten Villenvorort Houghton liegt. Schon von weitem konnte man die zahlreichen Autos sehen, die am Straßenrand geparkt waren. Aus allen Richtungen strömten Menschen zu seinem Haus, trotzdem es noch früh am Morgen war. Viele hatten Blumen in der Hand.

Ich bin Mandela etwa ein halbes dutzend Mal begegnet, in Bonn, London und natürlich Johannesburg. Zuletzt im Juli 2010 bei der Trauerfeier für seine Ur-Enkelin, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Selbst da war sie zu spüren, die enorme Ausstrahlungskraft, die von diesem Mann auch im hohen Alter noch ausging. Wo immer er auftauchte, zog er die Menschen in ihren Bann, sei es vor tausenden von Zuhörern auf dem Konzert zu seinem 90. Geburtstag im Londoner Hyde Park oder bei einem Vortrag im Johannesburger Rathaus.

Mandela liebte Kinder. Wann immer er in der Nähe von Kindern war, fühlte er sich wohl. Hier spielt sicherlich auch die Tatsache eine Rolle, dass es ihm während seiner Gefängniszeit viele Jahre lang verboten war Kinder zu sehen, nicht einmal seine eigenen. Als mein Sohn vor einigen Jahren den Wunsch äußerte, auch einmal Mandela zu sehen, mußte ich ihm erklären, daß dies wohl unmöglich sei, da er mittlerweile sehr zurückgezogen lebte und wegen seines hohen Alters kaum noch fremden Besuch empfing.

Kurz vor seinem 92. Geburtstag hatte er den damaligen Siemens-Vorstandschef Peter Löscher empfangen, weil dieser eine Millionenspende zur Finanzierung einer Bildungseinrichtung in der Nähe von Mandelas Geburtsort versprochen hatte. Warum sollte er da einen 11jährigen Jungen aus Celle empfangen. Dennoch hatte mein Sohn Justin eine Geburtstagskarte für Mandela geschrieben und ließ es sich nicht nehmen, diese auch persönlich bei Mandelas Haus abzugeben. Ich ließ ihn die letzten Meter alleine gehen und war mehr als verwundert, als Justin erst nach etwa einer Viertelstunde an der anderen Seite des Hauses herauskam. Er hatte Glück gehabt und einen ruhigen Moment abgepasst.

Ein Enkel von Mandela hatte Justin ins Haus gebeten und ihn seinem Großvater vorgestellt, der sofort die Zeitung beiseite legte um sich ganz seinem jungen Gast zu widmen. Jeder, der Madiba einmal begegnet ist wird bestätigen, dass er jedem das Gefühl gab jemand Besonderes zu sein. Er widmete sich voll und ganz seinem Gesprächspartner und konnte zuhören. Eine Gabe, die viele Politiker leider vermissen lassen.

Ich sprach heute mit vielen Menschen über Mandela. Jeder wusste eine Geschichte zu berichten, wie Mandela sie inspiriert hatte. Noch am letzten Sonntag konnte ich während eines Konzertes des südafrikanischen Musikers Johnny Clegg, beobachten, welchen Einfluss Mandela noch immer auf die Menschen aller Hautfarben in diesem Land hat. Clegg spielte am Ende seines Konzertes als Zugabe einen Filmausschnitt von einem Konzert Cleggs in Frankfurt am Main aus dem Jahre 1999. Damals überraschte Mandela den Musiker als er ganz unverhofft während des Konzertes auf der Bühne auftauchte. Als dieser Filmausschnitt am letzten Sonntag auf einer großen Leinwand über der Bühne lief, erhob sich das ganze – fast ausschließlich weiße – Publikum im Saal und spendete minutenlang Beifall.

Das Land wird Dich vermissen.

Siyabonga („Danke“) Madiba!

Von Michael Schaaf