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Celle Stadt Existentieller menschlicher Schmerz
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Existentieller menschlicher Schmerz
16:24 19.11.2010
Schuberts "Winterreise" im Sophien-Stift Celle - Dietmar Sander, Bariton - und Katharina Happel am Flügel Quelle: Aneka Schult
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Dass Franz Schubert den Liedzyklus im Herbst 1827, ein Jahr vor seinem Tod, vollendete, gibt ihm eine besondere Schwere, obwohl die Texte von Wilhelm Müller stammen.

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“ – mit diesen Versen beginnt die „Winterreise“. Das lyrische Ich bricht auf, von der Liebsten abgelehnt, die Welt ist trübe und „der Weg gehüllt in Schnee“. Die Verarbeitung dieses Verlustes ist das Thema des Zyklus, in dessen Verlauf der Hörer immer mehr zum Begleiter des Wanderers, der zentralen Figur der ziel- und hoffnungslosen Winterreise wird.

Musikalisch benutzt Schubert Grundmotive wie die durchgehende Achtelbegleitung der Klavierstimme, die den Gleichklang der Schritte, die Monotonie des Herzens des lyrischen Ichs, Trost- und Ziellosigkeit, Einsamkeit und Todessehnsucht intoniert. Der Wechsel des Tongeschlechts zeichnet die 24 Stationen des passionsgleichen Weges mit seinen Stimmungsumschwüngen, bevor sich die düstere Stimmung durchsetzt.

Um einen Zyklus solcher Schwere zu vermitteln, braucht es zwei technisch versierte Künstler, die Schuberts Schlichtheit begreifen, die Mut zu Farbnuancierungen und abwechslungsreiche dynamische Vielfalt mitbringen. Der aus Celle stammende, in Hannover lebende Bariton Dietmar Sander und Pianistin Katharina Happel zogen die Zuhörer von Anfang an in ihren Bann. Bereits im ersten Lied gelang der Übergang vom Moll der enttäuschten Liebe zum Abschied nehmenden Dur der letzten Strophe wunderbar anrührend und agogisch. Die Künstler kreierten weiter die Gefühlswelten der Einsamkeit, Trauer, Enttäuschung und Resignation. Auch das Eintauchen in die positive Gegenwelt des Traumes und der Erinnerung gelang vortrefflich. Sander hat eine Vielfalt an stimmlichen Möglichkeiten, die nie zum Selbstzweck werden. Mal singt er zart, innig, anrührend wie im „Wegweiser“, mal mit ungeheurer Kraft, kerniger Stimme und Dramatik. In ganz leisen Passagen ist seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern, doch selbst dann ist sie durchdrungen von Wärme und einer Intensität, der man sich nicht entziehen kann. Happel ist ihm eine kongeniale Partnerin, die mit nuancierter Stimmführung die jeweilige Absicht des Sängers vorbereitet und mitgestaltet. So gerieten die Triolenbewegungen der Wetterfahne zum beängstigend rauschenden Wind und das schwierige Vorspiel vom Lindenbaum entrückte sofort in eine wundersame Traumwelt. Auch in den dramatischen Stücken „Rückblick“ und „Erstarrung“ schafften es die Künstler, die von Schubert beabsichtige Atemlosigkeit und Dramatik glänzend umzusetzen. Am Ende der Winterreise mit den der Realität entrückten Motiven der „Nebensonnen“ und des „Leiermanns“ wurden die Zuhörer in eine irreale samtene Tonwelt mitgenommen. Ein Hörgenuss, bei dem man Sanders empfindsamen Ausdruck, seine konzentrierte bebende Körperspannung erlebte, war der „Frühlingstraum“, den es noch mal als Zugabe gab. Das Publikum dankte mit 10 Sekunden anhaltender Stille.

Von Aneka Schult