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Celle Stadt Facettenreiche Lesung in der JVA Celle: „Heimspiel“ für Anstaltsarzt Joe Bausch
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Facettenreiche Lesung in der JVA Celle: „Heimspiel“ für Anstaltsarzt Joe Bausch
23:17 22.05.2014
Lebhaft und raumfüllend: Joe Bausch bei der Lesung in der JVA Celle. Quelle: Peter Bierschwale
Celle Stadt

Bundesweit bekannt wurde Joe Bausch in der Rolle des Gerichtsmediziners im Kölner „Tatort“. Im wahren Leben ist Bausch jedoch Anstaltsarzt der Justizvollzugsanstalt Werl in Nordrhein-Westfalen. Inzwischen verfügt er noch über ein drittes Standbein, denn sein 2012 erschienenes Buch mit dem unmissverständlichen Titel „Knast“ verkaufte sich über 200.000 mal. Nun kam er zu einer Lesung in die JVA Celle und trug lebhaft und authentisch seine Erfahrungen aus der Gefängniswelt vor.

Es ist schon eine ungewöhnliche Situation, wenn ein Autor eine Lesung vor einem Publikum veranstaltet, das ebenso fachkundig ist wie er selbst. Andererseits stellte dieser Auftritt für Bausch eine Art „Heimspiel“ dar, denn die JVA Werl ist, ebenso wie die Celler JVA für langstrafige Gefangene zuständig, also für die „harten Jungs“, wie die Öffentlichkeit oft denkt.

Bausch eröffnete die Lesung mit einer Passage aus dem „Prolog“, in dem er die Hintergründe und das Anliegen seines Buchs erläutert hatte. Seit er als Arzt im Gefängnis arbeite, habe er immer wieder zu hören bekommen: „Joe, du machst doch einen vernünftigen Eindruck. Warum bist du denn im Knast gelandet?“ Das könne man eben nicht in einem Satz erklären. Nach seiner Erfahrung sei es nicht möglich, die komplexe Welt eines Gefängnisses in TV-Berichten oder Talkshows begreiflich zu machen. Er wolle mit seinem Buch also zeigen: „Was passiert im Gefängnis?“

Nach diesem Text löste sich Bausch von seinem Buch, lehnte sich locker an den Vortragstisch und redete frei. Das tat der Veranstaltung gut, denn bei diesem Publikum konnte er vieles als bekannt voraussetzen und weglassen. Und Bausch wirkte bei seinem Vortrag noch lebhafter und raumfüllender, als er es ohnehin schon ist.

Bei den Gefangenen in Werl sei ihm aufgefallen, dass sie sich ungeheuer viele Details aus dem Leben der Beamten merken würden, beispielsweise, wer wann welches Auto besessen habe. Das habe er anfangs nicht verstanden. Heute glaube er: „Erlebtes taktet Leben.“ Wenn man aber nichts erlebe, beginne man, „fremdes Erleben zu adoptieren“. „Der Zeitgeber ist der Schlüssel“, erklärte Bausch dann. Ohne den bewege sich in einer JVA nichts.

Bausch blickte in seinem Vortrag auf sehr unterschiedliche Facetten eines Gefängnisses, darunter lustige wie tragische. So habe ihn mal ein Patient fassungslos gemacht, der an einem „gut behandelbaren Krebs“ erkrankt gewesen sei. Der Gefangene habe jedoch jegliche Behandlung abgelehnt: „Wozu, Doc? Damit ich länger bleibe?“

Wenn jemand einem großen Publikum das Innenleben eines Gefängnisses erklären kann, dann Joe Bausch mit seinen spannenden, autobiografischen Episoden und seiner klaren Sprache. Er sei eben eine „Rakete im Erzählen“, meinte hinterher ein eigens aus einer anderen JVA angereister Anstaltsarzt.

Von Peter Bierschwale