Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Familie versucht Neuanfang in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Familie versucht Neuanfang in Celle
17:07 06.12.2016
Celle Stadt

Noch immer beschleicht Jasmin Herman (Namen wurden von der Redaktion geändert) ein mulmiges Gefühl beim Öffnen ihres Briefkastens. Und wie jedes Mal ist die Erleichterung groß, dort nur Werbung und mal eine Rechnung herauszufischen – wenn auch die nicht erfreulich sind. Jasmin Herman ist mit ihrem kleinen Sohn Kai und ihrem Lebensgefährten Jens vor einem Vierteljahr aus einer Kleinstadt in Norddeutschland nach Celle gezogen. „Eigentlich sind wir geflohen, aus unserem Umfeld und unserem Alltag dort“, sagt sie.

Schriftliche Beschimpfungen und Drohungen im Postkasten waren nur ein kleiner Teil der Schikanen, die das Paar zu ertragen hatte. „Man hat uns in eine Schublade gesteckt, uns als Verräter beschimpft und uns bei jedem Mist, der stattgefunden hat, der Mitwirkung beschuldigt. Es war die Hölle und es hörte nicht auf“, erinnert sich die 26-Jährige. Als die Übergriffe zunehmen, und sie auch ihr Baby gefährdet sehen, kappten sie alle Verbindungen und treten die Flucht nach vorne an.

Die Ursache all der Probleme liegt in der Vergangenheit. Ganz ehrlich erzählt die junge Frau: „Wir waren Teenager, eine wilde Truppe, wohnten in einer Hochhaussiedlung – Sozialbau. Meine Eltern lebten von der ,Stütze‘, der Alkohol ging selten aus. Die Perspektive aus unserem Blickwinkel heraus war mies. Hier seid ihr und hier bleibt ihr, hieß es – keine Chance dem Ghetto zu entfliehen. So wird auch euer zukünftiges Leben aussehen.“ Die Jugendlichen hätten eine Clique gebildet, abgehangen, die Schule geschwänzt, geraucht und getrunken – und etlichen Unsinn ausgeheckt. „Wir klauten Kleinigkeiten, sprühten Wände an … bekamen ersten Ärger mit der Polizei. Am Anfang waren es noch relativ harmlose Scherze, aber angestachelt und mit zunehmendem Alter wurde es aggressiver und schlimmer. Irgendwann begann die Rivalität mit anderen Gruppen. Vor der Gewalttätigkeit hatte ich Schiss, versuchte mich, soweit es ging, rauszuhalten, machte mich rar, hatte mich in einen Jungen verknallt und wir machten unser Ding …“

Aber so einfach ging die Ablösung nicht. Viele Leute wussten, dass Jasmin dazugehört hat. Sie will einen endgültigen Schlussstrich ziehen, hört mit dem Alkohol auf, sucht sich einen Aushilfsjob, zieht in die Einzimmerwohnung im Dachgeschoß. Sie versucht sich, der Beeinflussung und dem Druck der Clique zu entziehen. Das ist kaum zu schaffen „Ich schwöre, ich hab nichts Schlimmes mehr angestellt, aber das hat mir keiner geglaubt“. Druck und Verfolgung gab es von beiden Seiten. Die einen fühlten sich verraten, die anderen hatten ihr vorgefertigtes Bild.

„In der Siedlung, im Treppenhaus triffst du auf die Menschen, mit denen du aufgewachsen bist“. Das Leben wird unerträglich, vor allem als Jens in ihr Leben tritt und Jasmin schwanger wird. Auch Jens hat keine Ausbildung, kommt aus ähnlichen Verhältnissen, aber aus einem anderen Stadtteil. Die beiden versuchen eine geregelte Arbeit zu bekommen, wegzuziehen, aber das scheitert am Geld und ihrer Vergangenheit. Über „Amtshilfe“ und Beziehungen vom Jugendamt gelingt schließlich der Umzug nach Celle. „Wir sind unendlich glücklich und erleichtert. Kai kann hier unbelastet aufwachsen. Wir haben Pläne und den Willen, es besser zu machen – mit Unterstützung.“ Noch leben die Drei von der Sozialhilfe, das soll nicht so bleiben. Mit der Einrichtung der Wohnung geht es nur sehr langsam voran. Vor allem für Kai wünschen sie sich einen warmen Teppich zum Krabbeln und spielen – und für die ersten Ausflüge zur Erkundung der Umgebung einen Fahrradsitz plus Helm für den Jüngsten. „Wir haben jetzt eine Zukunft“, sagt Herman hoffnungsvoll.

Von Doris Hennies