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Celle Stadt Faszination „Heideland“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Faszination „Heideland“
14:33 14.10.2016
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Als CZ-Redakteur Michael Ende vor fast genau vier Jahren seinem Freund Theo Grüntjens sagte, dass die beiden nun gar nicht mehr anders könnten, als ein „wunderbares Buch“ zu schreiben, lagen die Dinge für Ende klar auf der Hand: „Theo hatte mir kurz zuvor einen Blick in den Fundus seiner Fotos gewährt. 30 Jahre lang hat er als Revierförster bei Rheinmetall Dinge erlebt und Anblicke und Eindrücke festgehalten, die so einmalig sind, dass man sie einfach veröffentlichen muss.“ Was dann kam, war harte Arbeit im Revier und am Schreibtisch. „Da muss man durch, wenn man etwas auf die Beine stellen will“, lächelt Ende, der auch schon Bildbände über Stadt und Landkreis Celle sowie über Spezialthemen wie die Celler Hengstparaden veröffentlicht hat. Im Lauf der vergangenen Jahre hat er einen seiner Lieblingssprüche immer wieder einmal zitiert: „So weit waren wir noch nie.“ Stimmt jetzt ganz besonders: Das Buch „Heideland“ ist fertig.

Zum ersten Mal getroffen haben sich Ende und Grüntjens bei der Jagd in Unterlüß. Das 5500 Hektar große Erprobungsgelände des Rüstungskonzerns Rheinmetall ist seit mehr als 100 Jahren Sperrgebiet, und so konnten sich dort Lebensgemeinschaften erhalten und entwickeln, die man andernorts nur noch aus Büchern kennt. Ende spricht von einer „seltsam paradoxen Ironie“: „Dort, wo hocheffiziente, präzise Waffen-Hightech getestet wird, sprießt ursprüngliches Leben so kraftvoll, dass es für jeden, der das sieht, eine Offenbarung ist. Hört sich das nicht ein bisschen verrückt an? Aber es ist so, und das ist genial.“

Das Testgelände ist ideales „Jagdrevier“ für gepanzerte Bundeswehrfahrzeuge wie „Leopard“ und „Marder“ sowie neuerdings auch für den „Puma“. Neben dem Wummern der Kanonen hört man auf dem Areal verstärkt das helle Gezwitscher seltener Vogelarten oder das sonore, durchdringende Brunftgeschrei von Hirschen. „Gelegentlicher Kanonendonner stört die Tiere kaum“, weiß Grüntjens. Rheinmetall benötigt freie Schussbahn. Deshalb wurde hier eine 800 Meter breite und 15 Kilometer lange Heidefläche erhalten, wie sie früher landschaftsprägend war. Grüntjens: „Unsere aktive Landschaftspflege hat dazu geführt, dass sich hier tausende Insekten wohlfühlen; fast 1220 Schmetterlingsarten haben sich angesiedelt, und rund 700 Bienenvölker suchen während der Heideblüte nach Nektar.“

Wo viele Insekten sind, finden auch Vögel ausreichend Nahrung. Eine Vielzahl von gefährdeten Vogelarten hat auf dem Rheinmetall-Gelände eine Heimat gefunden. Sogar Adler, Habichte und Uhus sowie der selten gewordene Charaktervogel der Lüneburger Heide, das Birkhuhn, sind fester Bestandteil der Fauna im Erprobungsgelände. Beachtlich ist auch die Zahl der Wirbeltiere auf dem Test-Areal, das zum größten Teil nicht aus Heide, sondern aus Wald besteht: Rotwild, Rehwild, Schwarzwild sowie Hasen und Kaninchen, aber auch Füchse, Dachse, Marderhunde, sogar Fischotter und Fledermäuse. „Die Vielfalt ist geradezu paradiesisch. Viele der Arten galten in hiesigen Breiten bereits als ausgestorben“, freut sich Grüntjens. Besonders stolz ist er über den heimisch gewordenen Wolf: „Ein spannendes Thema.“

Das Wort „Paradies“ impliziere unterschwellig die Angst, dass man es verlieren könnte, sagt Ende: „Aber dieses Land im Norden des Landkreises Celle macht Mut. Es zeigt, wie unverwüstlich das Leben sein kann, wenn der Mensch ihm nur eine Chance gibt.“

Tiefer Himmel, warme Farben, frischer Wind, weiter Horizont: Die norddeutsche Heide fasziniert zu jeder Jahreszeit. Sie ist Heimat. Für Pflanzen, Tiere, Menschen. In der abwechslungsreichen Landschaft mit Heiden, Wäldern und Wiesen, Flüssen, Mooren und Seen gibt es unendlich viel zu entdecken. Die Ursprünglichkeit der Gegend und die Reichhaltigkeit von Flora und Fauna geben immer neue Rätsel auf: Wie hängt das alles zusammen? Was geschieht, wenn sich Parameter im System verändern?

In ihrem Buch „Heideland“ machen sich Ende und Grüntjens daran, aufzuzeigen, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Tieren und Pflanzen in der Heide sind. Dieses Buch ist eine Bestandsaufnahme ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Es zeigt Natur, Tiere, Pflanzen, Menschenwerk und will dazu anregen, über das eng gesponnene Netz gegenseitiger Abhängigkeiten nachzudenken. Ende: „Selbst das Allerkleinste hat mit dem Allergrößten zu tun. Das geht jedem auf, der sich die Mühe macht, nicht nur über Natur nachzudenken, sondern sie auch zu betreten und zu erleben und bestenfalls Teil von ihr zu sein.“

Die Heide bietet dafür den idealen Raum. Sie ist eine einzigartige und schützenswerte Lebenswelt, deren Biotopvielfalt mit kleinen und großen Wundern der Flora und Fauna ein echter Schatz ist. „Sollte hier auch nur ein winziges Juwel verschwinden, hätte das unübersehbare Folgen“, sagt Ende, der betont, dass das Ganze viel mehr sei als die Summe seiner Einzelteile: “Das Leben hält sich oft einfach nicht an die Regeln, die Menschen sich ausrechnen, um nachzuvollziehen, was das Leben so treibt.” Es gibt einen roten Faden, der sich durch das ganze Buch zieht. In Anlehnung an den Naturforscher Alexander von Humboldt sagen Ende und Grüntjens: „Alles hängt von allem ab. Wie und warum, das wollen wir mit diesem Buch zeigen.“

Der 200 Seiten starke Bildband „Heideland“ ist unter der ISBN 978-3-9816901-3-2 im Initia Medien und Verlag erscheinen und kostet 29,95 Euro. Erhältlich ist das Werk im örtlichen Buchhandel, im Internet bei amazon.de oder unter http://theo-gruentjens.de.