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Celle Stadt Feinfühlig und unverschämt gut
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Feinfühlig und unverschämt gut
14:51 02.12.2011
Das Staatsorchester Braunschweig unter der Leitung von Alexander Joel mit dem begeisternden Solisten NoÈ Inui (Violine) bei seinem Konzert in der Congress Union. Quelle: Peter M¸ller
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Bei Saint-Saëns’ „Orgelsinfonie“ besteht die schwierige Aufgabe für die Interpreten vor allem darin, bei aller Bombastik und Monumentalität den Faden der Dramaturgie nicht zu verlieren und das leidenschaftlich auffahrende Thema mit dem „Dies irae“-Motiv gleichermaßen farbenfroh und stimmungsvoll zur Wirkung zu bringen. Doch die Congress Union verfügt nun mal nicht über den Klangraum einer Kathedrale. Zudem bot die eingesetzte E-Orgel nur unzureichenden Ersatz für die klangprächtige Palette zwischen zartem Säuseln und kraftvollem Aufbrausen, wie sie die Pfeifen einer Kirchenorgel bieten. Zumeist verschwand daher der feierliche Orgelklang im Tutti, statt sich zu erheben und mit dem Orchester zu verschmelzen, und die Orgel kam nur selten so zur Geltung wie am Ende, als sie eindrucksvoll den triumphalen Höhepunkt des Stückes einleitete.

So kam das sprichwörtlich Beste diesmal nicht am Schluss, sondern gleich zu Beginn des Konzertabends: Mit dem bereits mehrfach preisgekrönten 26-jährigen Solisten Noé Inui wurde Beethovens Violinkonzert, ohnehin ein Juwel seiner Gattung, zu einem mitreißenden Genuss. Man hätte diesen Beethoven geradezu analytisch nennen können, wenn die Musik nicht so selbstverständlich geflossen wäre und so unverschämt gut und weich geklungen hätte. Fantastisch, wie Joel hier sein Orchester aufstellte, wie unglaublich genau er einzelne Akkorde schichtete, wie wunderbar Übergänge gelangen, wie weit die Dynamik gespannt war und wie großzügig schließlich Inui seinen Platz als Solist freigeräumt bekam. Und dieser – weit entfernt von virtuosem Showdown – hielt das Konzert mit hoher Konzentration auf Messers Schneide zwischen Romantik und Klassik. Filigran ordnete er den grazilen Schönklang ein in das Gespinst der Orchesterstimmen, aus dem heraus sich sein Solopart dialogisierend entfaltete: Wie Inui bei aller spirituellen Gewalt des Ausdrucks den Ton veredelte, wie er die zartesten Übergänge meisterte und sich von der Lyrik des Werkes bisweilen zu hauchdünnem Geflüster hinreißen ließ, um dann wieder mit dem ganzen Orchester quasi auf den Tisch zu hauen, zeugte von einer seltenen gestalterischen Kraft und Übersicht. Und Joel wiederum verband Kraft und Verve seines Ensembles mit äußerst feinfühliger Rücksicht auf den Solisten. Eine Interpretation, die man am liebsten nur dankbar in sich nachklingen lassen möchte, anstatt darüber zu schreiben.

Von Rolf-Dieter Diehl