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Celle Stadt Finanzexperte: „Substanzerhalt ist ohne Risiko nicht möglich“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Finanzexperte: „Substanzerhalt ist ohne Risiko nicht möglich“
15:40 12.04.2013
Celle Stadt

Alle Welt redet über die teilweise Enteignung von Großanlegern auf Zypern – doch die eigene schleichende Enteignung ist vielen (Klein-)Anlegern, die ihr Geld auf einem deutschen Sparkonto liegen haben, gar nicht bewusst. Auf diesen Widerspruch wies der Finanzexperte Chris-Oliver Schickentanz, Chief Investment Officer in der Commerzbank-Zentrale in Frankfurt/Main, in einem Gespräch mit der Celleschen Zeitung hin. Chief Investment Officer ist ein Manager, der die Investitionen eines Unternehmens betreut. „Viele private Anleger haben noch nicht realisiert, dass ihr Vermögen bei einem Zinssatz nahe null Prozent und einer Inflationsrate von knapp zwei Prozent im Jahr kontinuierlich an Wert verliert.“ Schickentanz rechnet nicht damit, dass sich das in den kommenden Jahren ändert. Denn die Europäische Zentralbank werde auch weiterhin die Zinsen niedrig halten. „Gerade mit erstklassigen Staatsanleihen kann man deshalb heute kein Geld verdienen. Wie kann der Bankkunde reagieren? „Er muss vom Sparer zum Anleger werden“, meint der Investment-Experte. Will heißen: Er muss auch Risiken bei der Geldanlage eingehen. „Ein Substanzerhalt ist ohne Risiko nicht möglich.“ Schickentanz plädiert für eine breite Streuung des Vermögens – in Aktien, Rohstoffe, Immobilien und bestimmte Anleihen.

Bei Aktien bevorzugt Schickentanz „substanzstarke Aktien mit konkreten Bilanzwerten (also möglichst viel Sachvermögen) und einer gesicherten Dividende“. Für weniger geeignet hält er etwa Aktien der Deutschen Telekom, bei der die Ausschüttung jahrelang höher war als der Gewinn.

Bei Immobilien plädiert Schickentanz – abgesehen vom Eigenheim – für Gewerbeimmobilien. Der Grund: „Dort sind die Mieten zumeist an die Inflationsrate gekoppelt.“ Auch einige der insgesamt ins Gerede gekommenen Offenen Immobilienfonds seien zur Geldanlage geeignet – wenn deren Anlegerschaft breit gestreut sei.

Außerdem plädiert Schickentanz dafür, eher direkt in Rohstoffe als in Rohstoffaktien zu investieren: „Edelmetalle bieten einen guten Krisenschutz. Viele Rohstoffkonzerne leiden hingegen unter stark gestiegenen Förderkosten.“ Noch mehr Chancen als bei Gold sieht Schickentanz gegenwärtig bei Platin und Silber – und beim Industriemetall Kupfer.

Der Investment-Experte rät nicht generell von Anleihen ab. Nur solle der Anleger nicht „sichere“ Papiere mit niedrigem Zins, deren Kurse oft über dem Nennwert liegen, sondern Anleihen von eher unbekannten Firmen mit längeren Laufzeiten kaufen – möglichst außerhalb der Euro-Zone. Auch große Unternehmen wie Siemens bieten beispielsweise Anleihen in australischen Dollars an. Dort gebe es nicht nur höhere Zinsen als in Deutschland, sondern auch Chancen auf Währungsgewinne. Anleihen aus Schweden, Norwegen sowie ­– bei größerer Risikobereitschaft – aus China, Kanada, Neuseeland, Brasilien und Polen seien ebenfalls interessant.

Von Michael Regehly