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Celle Stadt Flüchtlinge in Celle: "Mein Fahrrad ist mein Auto"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Flüchtlinge in Celle: "Mein Fahrrad ist mein Auto"
14:40 10.10.2015
Ein eingespieltes Team: Abdullah Hussein (links) und Hans Lilie reparieren ehrenamtlich zusammen Fahrräder. Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

„Soll das repariert werden oder der Schlauch“, fragt Abdullah Hussein Osman Abdullah und zeigt auf den Reifen eines Fahrrads, das er kurz vorher auf den Kopf gestellt hat. „Da muss irgendwo ein kleines Loch drin sein, ich verliere ständig Luft“, antwortet die Cellerin Ingrid Lünsmann, die mit ihrem Drahtesel auf den Hof der Kreuzkirche gekommen ist. Der 26-jährige Sudanese weiß sofort, was zu tun ist: Mit einem Schraubendreher löst er in wenigen Sekunden den Mantel von der Felge und zieht den undichten Schlauch heraus. Eine Viertelstunde später rollt das Rad von Lünsmann wieder einwandfrei über den Asphalt. Ihr Urteil: „Er macht eine hervorragende Arbeit, endlich bin ich wieder mobil. Ohne Abdullah wäre ich echt aufgeschmissen.“

Unter dem Motto „Dein Fahrrad ist ein Stück Freiheit“ haben Abdullah, Projekt-Leiter Hans Lilie und weitere Helfer beim Fahrradreparatur-Projekt der Kreuzkirche seit April schon weit mehr als 100 Fahrräder für Flüchtlinge und viele weitere für Celler Bürger auf Vordermann gebracht. Auch an der Flüchtlingsunterkunft Am Maschweg ist das Team aktiv.

„Die Flüchtlinge sollen in die Lage versetzt werden, ohne fremde Hilfe auch eine größere Distanz zurückzulegen“, sagt Hans Lilie, der die Fahrräder als ein „Zukunftsmobil“ für die Flüchtlinge sieht. „So öffnet sich die Welt für die Menschen ein Stück weit“. Ziel des Projektes ist es, die Flüchtlinge in die Lage zu versetzen, einfache Reparaturen am Rad selber machen zu können.

Aber nicht nur das: Zusammen mit weiteren Mitgliedern der Kirchengemeinde bietet Lilie Fahrradtouren, die für jedermann offen sind, durch und rund um Celle an. So lernen die Schutzbedürftigen nicht nur die Umgebung aus einer neuen Perspektive kennen, sondern können auch Kontakte zu anderen Cellern knüpfen, so Lilie: „Dabei geben wir ihnen auch Tipps für das richtige Verhalten im Straßenverkehr, was sich Neuankömmlinge nicht so einfach selbst erschließen können.“

Auch Abdullah, der seit zwei Jahren in Celle lebt und mittlerweile als Flüchtling anerkannt wurde, hat ein Fahrrad durch das Projekt bekommen und packt seitdem bei der Reparatur mit an. „Früher hatte ich auch keinen, der mir hilft. Jetzt schon, deshalb will ich den Menschen was zurückgeben“, sagt der 26-Jährige in flüssigem Deutsch.

Für den Sudanesen ist das Fahrrad ein unersetzbarer Begleiter im Alltag geworden, das einfache Dinge wie Einkaufen deutlich beschleunigt: „Mein Fahrrad ist mein Auto.“ Durch seinen neuen Drahtesel kann er jetzt auch ganz andere Strecken bewältigen. Seitdem fährt er jeden Tag die mehr als 20 Kilometer von Celle nach Eschede, um seine dort lebenden Landsleute zu besuchen. „Früher konnte ich dort nur einmal in der Woche mit dem Zug hinfahren, weil es für mich zu teuer war“, erzählt Abdullah.

Sobald die Asylbewerber ihr Fahrrad bekommen, schwingen sie sich sofort auf den Sattel und legen los – dabei müssen viele wie kleine Kinder bei null anfangen, hat Lilie beobachtet: „Auch wenn sie dreimal hintereinander auf die Nase fliegen, lassen sie sich davon nicht abschrecken.“

Abdullah ist zwar nicht auf die Nase gefallen, hat sich aber bei seinen ersten Fahrversuchen in Celle eine kleine Narbe über der rechten Augenbraue zugezogen. In seiner Heimat, dem Sudan, gibt es kaum Fahrräder. Abdullah: „Die kannte ich nur aus dem Fernsehen.“

Von Kai Knoche