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Celle Stadt Flüchtlinge prägen Celler Geschichte
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Flüchtlinge prägen Celler Geschichte
17:56 21.11.2014
Mit Pferdekarren zieht ein Treck von Vertriebenen aus dem Osten Deutschlands über die Jägerstraße in Celle. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

CELLE. Die Hugenotten im 17. Jahrhundert, die Vertriebenen im Zuge des Zweiten Weltkriegs sowie die ezidischen Gastarbeiter und späteren Glaubensflüchtlinge: „Diese drei Gruppen haben in Celle Spuren hinterlassen, die bis heute zu sehen sind“, sagt Hilke Langhammer vom Celler Bomann-Museum. Doch die Aufnahme der Menschen lief nicht immer reibungslos ab.

Der katholische König Ludwig XIV. verbot 1685 den Protestantismus in Frankreich und löste eine Fluchtwelle von einer Viertelmillion Hugenotten aus. Rund 300 der Glaubensflüchtlinge siedelten sich auf Initiative von Herzog Georg Wilhelm in der Westerceller Vorstadt an. Der Machthaber erließ als erster deutscher Fürst ein Edikt zur Aufnahme der Protestanten und sicherte ihnen Privilegien wie Zunft- und Zollfreiheiten, aber auch Steuernachlässe zu.

Nicht ohne Grund: Ein Drittel der gut ausgebildeten Zugezogenen fand eine Anstellung am Celler Hofe und in der Armee. Die Mehrheit der Hugenotten hingegen verdingte sich in hofnahen Gewerken und im Textilgewerbe. „In der breiten Bevölkerung waren die Vorurteile wegen der Klassengesellschaft nicht so stark ausgeprägt. Doch die Zünfte sahen in den Fremden Konkurrenz und fürchteten um ihren Lebensunterhalt“, sagt Rainer Voss vom Celler Kreisarchiv.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erreichte Celle eine Vertriebenenwelle von kaum noch vorstellbarem Ausmaß. 1953 lebten nach mehreren Umsiedlungsprogrammen etwa 32.000 Flüchtlinge vorwiegend aus dem Osten Deutschlands in der Region, wodurch die Bevölkerungszahl um mehr als ein Drittel angestiegen ist. Ein Kraftakt, der die vom Krieg gebeutelte Bevölkerung zusätzlich belastete.

Die Neuankömmlinge mussten mit Essen versorgt und in den Häusern der Einheimischen untergebracht werden. Es herrschte eine brisante Stimmung. Die Celler Bevölkerung fühlte sich als „Verlierer des Krieges“ zusätzlich belastet und fürchtete um ihre Arbeitsplätze, so Voss. Obwohl die Neu-Celler Deutsche waren, wurden sie als „Nahrungsschmarotzer“ und „Polacken“ beschimpft. „Diese Vorurteile haben lange angehalten. Bis 1995 durften Vertriebene in einem Dorf im Landkreis nicht Schützenkönig werden“, sagt Voss.

Die dritte Gruppe der Eziden wurde Ende der sechziger Jahre als Gastarbeiter nach Deutschland geholt. In Celle fanden viele einen Job beim Telefunken-Werk. Während die Eziden bei der Arbeit integriert waren, schotten sie sich im Privatleben ab, da sie mit dem verdienten Geld in ihre Heimat zurückkehren wollten. Als 1973 die staatliche Anwerbung endete, beschlossen viele, hier zu bleiben, und holten ihre Familien nach. „Nach dem Militärputsch am Anfang der achtziger Jahre in der Türkei, konnten viele nicht mehr zurückkehren. Im Gegenteil, es kamen noch mehr Eziden, dieses Mal als Glaubensflüchtlinge“, sagt Voss.

Als im Zuge der Weltwirtschaftskrise die Arbeitslosigkeit ansteigt, haben laut dem Archivar die Verteilungskämpfe begonnen. Da plötzlich manch ein Gastarbeiter – ebenso wie die Einheimischen – auf staatliche Hilfe angewiesen waren, wurden die Zuwanderer als „Sozialschmarotzer“ beleidigt. Die Religion, Kultur, Sprache und das Aussehen der Eziden hätten dazu beigetragen, so Voss: „Es war plötzlich nicht mehr nur der Dialekt anders, so dass eine stärkere Ausgrenzung stattfand, weil sie einfach anders waren. Die Fremdenfeindlichkeit hatte damals eine neue Qualität angenommen.“ Und das, obwohl bei den Cellern große Unkenntnis über die Eziden herrschte. „Als wir 2009 angefangen haben zu recherchieren, wusste in der Bevölkerung kaum jemand, was Eziden genau sind und welchen kulturellen Hintergrund sie haben“, sagt Langhammer, die im Bomann-Museum die Ausstellung „Migration und Integration im Celler Land“ mit aufgebaut hat.

Unterschiedliche Behandlung

Gegenüber gewissen Gruppen von Flüchtlingen gab es in der Celler Bevölkerung Ressentiments, gegenüber anderen hingegen nicht. Die erste große Welle von etwa 1400 Flüchtlingen aus Ostpreußen erreichte Celle bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs. „Die Menschen sind überschwänglich aufgenommen worden, weil in Deutschland noch ein Hurra-Patriotismus herrschte“, sagt Voss. „Was ungewöhnlich war, dass so gut wie alle nach kurzer Zeit wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind.“ „Auch die so genannten Boat People wurden mit offenen Armen empfangen“, sagt Langhammer. So wurden die vietnamesischen Flüchtlinge genannt, die ab 1979 in Celle und Niedersachsen auf Initiative des damaligen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht aufgenommen wurden. „Woher diese unterschiedliche Behandlung kommt, bleibt mir ein Rätsel“, sagt Langhammer.

Um die Stimmung der Celler zur Aufnahme weiterer Menschen in Erfahrung zu bringen, hat die CZ eine Umfrage „Soll Celle noch mehr Flüchtlinge aufnehmen?“ gestartet (siehe Grafik). 154 von 395 Befragten haben mit Ja geantwortet, während die Mehrheit – etwas mehr als 60 Prozent – einer Aufnahme weiterer Flüchtlinge kritisch gegenübersteht. Migrationsforscher Jochen Oltmer ist der Meinung, dass die Unkenntnis vieler Menschen über das Schicksal der Flüchtlinge eine mögliche Ursache dafür ist (siehe Interview).

„Spuren“ sind imStadtbild präsent

Die von Langhammer erwähnten „Spuren“ sind bis heute im Stadtbild präsent. Egal ob von Flucht geprägte Familiebiographien, Straßennamen wie Hugenottenstraße, die evangelisch-reformierte Kirche, unzählige Handwerks- und Gastronomiebetriebe, deutsch-kurdische Fußballvereine oder schlicht die Bevölkerungzahl: Die verschiedenen Flüchtlingsgruppen haben die Entwicklung von Celle mitgeprägt und die kulturelle Vielfalt bereichert.

Die Historiker sind sich einig: Trotz aller Schwierigkeiten sei im Laufe der Jahre die Integration der Gruppen erfolgreich gewesen, auch wenn es an der ein oder anderen Stelle noch hakt. „Es wäre schade gewesen, wenn das ezidische Erbe verloren gegangen wäre. Das konnten wir nur durch die Aufnahme der Flüchtlinge bewahren“, sagt Voss. „Ohne die Flüchtlinge wären Stadt und Landkreis nicht das, was sie heute sind.“

Von Kai Knoche