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Celle Stadt "Flügel der Freiheit“ in Celle gelesen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Flügel der Freiheit“ in Celle gelesen
16:19 20.10.2017
Quelle: Anke Schlicht
Celle Stadt

„Lassen Sie uns in eine Kutsche steigen und ins Jahr 1522 reisen. Die drei bis vier folgenden Jahre waren entscheidend für das Gelingen der Reformation“, stimmt Röhrig seine Gäste ein auf zwei gleichermaßen informative wie unterhaltsame Stunden. Der Autor und Schauspieler lässt die Alltagswelt zu Zeiten Luthers vor dem geistigen Augen erstehen. Man sieht das Blut in den Schnee spritzen und fühlt mit dem Huhn auf dem Hackklotz während seiner letzten Sekunden, riecht die Rüben, die im Hof gekocht werden, und erahnt den Gestank, den Bote Barthel verströmt, nachdem er sich tagelang während seiner Ritte über Land zum Schlafen nur die Stiefel ausgezogen hat.

„Was ist besser, stinken oder frieren?“, überlegt Barthel, ob er eine Gelegenheit, sich zu waschen, überhaupt nutzen soll. Der einzelne Mensch zählte nicht viel, Frauen noch viel weniger als Männer. Das entbehrungsreiche, harte Leben prägte auch die Sprache und den Umgang miteinander. Derbe geht es zu auf der Wartburg, in Wittenberg und andernorts. „Die ist schon gebraucht, ich will meinen Samen in einen reinen Kelch gießen“, äußert sich Müntzer über eine Verehrerin. „Wie konnte aus meinem Schüler bloß so ein Hundearsch werden?“, kommentiert Luther die Entwicklung von Müntzer.

„Ich finde es schwierig, Geschichte rein über Fakten aufzunehmen, daher ist es schön, dass ich hier die im Moment so aktuelle Historie in dieser Weise verpackt und dann auch noch vom Autor höchstpersönlich nahegebracht bekomme“, zeigt sich Ingrid Kielhorn angetan von der Lesung, an deren Ende Röhrig zahlreiche Fragen beantworten muss. Eine bezieht sich auf die Veränderung seines Lutherbildes im Laufe der einjährigen, sehr aufwendigen Recherchen für den Roman. „Die Ideal hat sich verloren, ich habe ihn vom Sockel gestoßen, aber ich habe ihn auch neu achten und lieben gelernt“, schließt der Autor die sehr interessante Lesung.

Von Anke Schlicht