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Celle Stadt Fracking-Technologie: Celler Bohrbranche in Gefahr
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Fracking-Technologie: Celler Bohrbranche in Gefahr
08:18 08.04.2016
Von Klaus Frieling
Celle Stadt

Die vom Öl-Überangebot und dem daraus resultierenden niedrigen Preis des „schwarzen Goldes“ gebeutelte Branche wartet auf politische Entscheidungen. „Die fehlende Fracking-Gesetzgebung ist für die Arbeitsplätze in unserer Industrie in Deutschland bei weitem gefährlicher als die niedrigen Öl- und Gaspreise“, brachte Wintershall-Vorstandschef Mario Mehrens die Problematik bei der Pressekonferenz auf den Punkt, zu der auch Journalisten aus Russland und dem Nahen Osten zum Unternehmenssitz nach Kassel gekommen waren.

„Seit fast fünf Jahren ist kein Projekt mehr genehmigt worden, das den Einsatz von Fracking erfordert“, betonte Wintershall-Vorstandsmitglied Martin Bachmann am Rande der Pressekonferenz im CZ-Interview. 20.000 Fachkräfte leben in Deutschland von der Erdöl- und Erdgasförderung, davon ein großer Teil in Celle. „Das ist Hochtechnologie, und die ist gefährdet.“

Die etablierte Förderung sei blockiert – „und zwar durch eine oft pauschalisierte und oft emotionale Diskussion über das Thema Fracking“. Das habe in der gesamten Branche hierzulande zu einem beträchtlichen Investitionsstau geführt: „Mehr als eine Milliarde Euro liegen auf Eis, allein bei Wintershall etwa 100 Millionen Euro.“ Der deutsche Branchenführer hat in Niedersachsen zuletzt im Frühjahr 2012 die Bohrung Düste abgetäuft – „seitdem warten wir auf die Genehmigung für konventionelles Hydraulic Fracturing“, beklagt Vorstandschef Mehrens die Untätigkeit angesichts der unklaren Aussichten. Das zeigt sich auch bei den Förderzahlen: Vor ein paar Jahren deckte das heimische Erdgas noch rund 20 Prozent des deutschen Gasbedarfs. Heute sind es nur noch elf Prozent.

Dabei ist die jetzt so skeptisch hinterfragte Technik eine „alte Bekannte“: „Was manche nicht wissen: Gut ein Drittel des in Deutschland geförderten konventionellen Erdgases wird seit über 30 Jahren mit dem Einsatz von Hydraulic Fracturing gefördert“, so Bachmann zur CZ. „Sicher und ohne Folgen für die Umwelt!“

Bei der auch hydraulische Riss-Erzeugung genannten Technik wird eine Mischung aus Wasser, Sand und Chemikalien unter hohem Druck in den Boden gepresst, um Lagerstättengestein durchlässiger für Öl oder Gas zu machen. Umstritten ist die geplante Anwendung der altbewährten Methode in anderen geologischen Schichten. Umweltschützer und die Opposition lehnen dies ab und verweisen auf die Gefahr einer Verunreinigung von Grundwasser.

Das bestreitet Wintershall-Manager Bachmann: Gemeinsam mit den Wasserversorgern sei eine Lösung gefunden worden, die beide Seiten trügen und die allen berechtigten Interessen gerecht werde. „Unsere gemeinsame Position zeigt auch, dass Erdgasförderung und speziell Fracking kein Widerspruch zum Trinkwasserschutz sind.“ Der Europa-Vorstand verweist auf den Wintershall-Standort Barnstorf im Landkreis Diepholz: „Wir erfahren: Dort, wo man uns kennt, ist die Akzeptanz für unsere Aktivitäten groß. Unsere Mitarbeiter leben ja auch an den Standorten, an denen wir fördern. Oft sind die größten Kritiker am weitesten weg.“

Schreckensszenarien wie die aus Wasserhähnen zündelnden Flammen im Hollywood-Streifen „Gasland“ haben sich nie beweisen lassen. „Das war sachlich nicht richtig“, sagt Bachmann dazu. „Heute ist das in der Diskussion um Fracking auch kein relevantes Thema mehr.“

Indes gehe es bei dem Thema auch um persönliche Schicksale. Der Investitionsstau hat direkte Auswirkungen auf die Mitarbeiter von Subunternehmen und Zulieferindustrie, vor allem eben in Celle. Baker Hughes hat im vergangenen Jahr am hiesigen Standort 170 Jobs abgebaut, die ITAG mehr als 100 Stellen. Betroffen sind motivierte, gut ausgebildete Mitarbeiter. Jeder vierte Arbeitsplatz in Celle hänge direkt oder indirekt von der Bohrindustrie ab, heißt es in Branchenkreisen. Und auch im städtischen Haushalt zeigen sich die Spuren der Krise mittlerweile bei den Gewerbesteuereinnahmen.

Während also Lokalpolitik und auch die Regierung des von der Förderabgabe profitierenden „Öllandes“ Niedersachsen reges Interesse an einer gesetzlichen Klärung haben, tut sich die Politik auf Bundesebene schwer, notwendige Entscheidungen zu treffen. Dabei enthalte der Gesetzentwurf eine Vielzahl verschärfter Regelungen – von Verbotszonen bis zu Umweltschutzvorschriften, erklärt Bachmann. „Trotz dieser Belastungen, die sich insgesamt an der Schmerzgrenze bewegen, würde unsere Branche die Schaffung von Rechtssicherheit begrüßen.“ Dabei geht es nur scheinbar allein ums „Aufregerthema“ Fracking, letztlich aber vor allem um den Stellenwert, der der Rolle von Öl und Gas in der deutschen Energieversorgung der Zukunft zugedacht wird.

Gibt es also Technikfeindlichkeit in Deutschland? „Bei den deutschen Autofahrern sicherlich nicht“, weicht Bachmann ein wenig aus. Um dann auf die Notwendigkeit praktischer Anwendungen zu verweisen: „Daraus kommt ja die Stärke eines Standortes wie Niedersachsen, wie Celle, dass das technologische Potenzial auch angewendet wird.“ Finde das nicht statt, würden Technologie und Forschung abwandern, verweist er auf die Magnetbahn Transrapid als bekanntes Beispiel.

Lange kann es so nicht mehr weitergehen: „Es kommt jetzt der Punkt, wo es um das Überleben der ganzen Explorations- und Förderindustrie in Niedersachsen geht“, sagt Bachmann. „Wir brauchen Planungssicherheit und den Abschluss des Gesetzverfahrens. Jetzt!“ sagt Mehren. Doch je näher der Termin der Bundestagswahl im nächsten Jahr rückt, desto schwieriger dürfte es werden, einen Konsens zu finden. „Ich bin optimistisch!“ sagt dazu Martin Bachmann mit breitem Lächeln. „Wenn Sie nach Öl und Gas suchen, müssen Sie optimistisch sein, sonst haben Sie keinen Spaß mehr.“