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Celle Stadt Frank Schirrmacher warnt in Celle vor Medienabhängigkeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Frank Schirrmacher warnt in Celle vor Medienabhängigkeit
19:21 09.05.2014
Frank Schirrmacher (links) - und Stefan Gratzfeld, - Vorstand der Sparkasse Celle. Quelle: Benjamin Westhoff
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Der auf einer Liste der 100 einflussreichsten Denker geführte Journalist zeichnete ein faszinierendes und zugleich erschreckendes Szenario einer von Informationsmengen und Computer gesteuerten Zukunft. „Wir wissen mehr als je zuvor und fürchten doch ständig, das Wichtigste zu verpassen“, so Frank Schirrmacher. Längst hätten die Flut von Informationen und der Drang, sich so viel wie möglich davon anzueignen, dafür gesorgt, dass Menschen in einen kognitiven Überforderungs- und Erschöpfungszustand gerieten. „Handy oder i-Phone bilden mit uns eine körperliche Einheit. Die permanente Erreichbarkeit, die stete Möglichkeit, Informationen zu empfangen und weiterzugeben, setzen biochemische Prozesse in Kraft: Glücksgefühle, ausgeschüttet über das kurzfristige Belohnungszentrum im Hirn – ausgelöst durch Klingelton oder Vibration. Das bringt aber auch eine Abhängigkeit von kontinuierlichem Input, den wir gar nicht verarbeiten können.“

Die stetig anwachsende Informationstechnologie um uns herum habe eine so intensive Vernetzung zur Folge, dass jedermann zu einer fast gläsernen Person werde, so Schirrmacher. Die Analyse der Daten, die wir „ins Netz“ geben, ermögliche schon heute Anbietern, Käuferprofile zu erstellen. Gescannte Verhaltensmuster geben so Aufschluss über den normalen Tagesablauf oder den optimalen Partner.

Daten führen Schirrmacher zufolge zu vordergründig gewünschten, automatisierten Reaktionen. Wir würden dabei geortet und sondiert – eine Vorstellung, die den utopischen Überwachungsstaat von George Orwell weit in den Schatten stelle. „Eine Welt ohne Informationstechnologie ist nicht vorstellbar. Aber die pure Koexistenz von Mensch und Computer führt zum Sieg der künstlichen Intelligenz. Schon bald werden Computer zu Dingen fähig sein, die heute noch unvorstellbar scheinen. Sie werden unsere Wünsche besser kennen als wir selbst und in der Lage sein, sogar unsere Assoziationen in Software zu übersetzen. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Fähigkeiten zu Intuition und Menschenkenntnis nicht verlieren“, meinte der FAZ-Herausgeber.

Die Stärken des Menschen liegen Schirrmacher zufolge in seiner Kritikfähigkeit, dem Zweifel und dem Vertrauen auf menschliche Kompetenz. Es sei wichtig, zu lernen, mit der Informationsflut umzugehen, sich Erholungsbereiche zu schaffen, ein „Eigenbewusstsein“ zu bilden. Das Wertvollste aber sei die menschliche Aufmerksamkeit, denn die sei per Natur beschränkt und damit ein natürliches Regulativ, meinte Schirrmacher. Doris Hennies

Von Doris Hennies