Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Frauen aus Celle gehen ihren eigenen Weg
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Frauen aus Celle gehen ihren eigenen Weg
17:40 06.03.2015
Zum internationalen Frauentag: Porträt von Irina Janz Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Irina Janz: „Ich kann meine Musik nicht für mich behalten“

WATHLINGEN. Irina Janz ist es gewohnt, vieles auf einmal zu organisieren, so auch die Arbeit in Hannover und den Freundeskreis im Landkreis Celle. Sie ist gelernte Musiklehrerin und hat umgeschult auf einen Bürojob im Rechnungswesen. „Ich muss damit meine Brötchen verdienen können“, sagt die dreifache Mutter. Vor wenigen Jahren hat sie ihre Arbeitszeit von acht Stunden auf sechs Stunden verkürzt, um mehr Zeit für sich zu haben und nicht unglücklich zu werden: „Ich kann meine Musik nicht mehr für mich behalten. Ich will andere damit begeistern“, erzählt sie.

Singen und mit anderen musizieren ist für Janz kein Nebenjob, sondern eine Berufung. Schon vor ihrer Einschulung hat sie auf großen Konzerten gesungen. Das Klavierspielen hat sie in der Musikschule gelernt, Gitarre hat sie sich selbst beigebracht. Besonders die russischen Romanzen in Begleitung des Gitarristen Konstantin Schneider kommen gut beim Publikum hier in der Region an. Damit sie sich musikalisch weiterentwickeln kann, nimmt sie jetzt auch Orgelunterricht. Bald will sie Gottesdienste der evangelischen Kirche in Wathlingen untermalen.

Janz engagiert sich auch beim Weltgebetstag der Frauen. Am ersten Freitag im März helfen sich Frauen unterschiedlicher Konfessionen aus: Lesen bei der Veranstaltung etwas vor, bringen etwas zu essen mit und machen zusammen Musik. Jedes Jahr geht es um die Lebensweise von Frauen in anderen Ländern. In diesem Jahr schauten alle auf die Bahamas.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist Janz aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. Zu einer Zeit, als sich keiner für Kultur interessierte, weil die Leute das Geld zum Überleben brauchten. Sie hat beobachtet, dass Frauen ihre Einstellung schneller verändern als Männer: „Frauen nutzen ihre Freiheit mehr aus und stehen stärker für das Verständnis von Demokratie ein.“ Das sieht sie auch bei ihrer Tochter, die ständig woanders auf der weiten Welt lebt. Gerade studiert die 20-Jährige internationale Beziehungen und macht ein Praktikum an der Botschaft in Chile.

Tembiye Yavsan: „Meine Bildung kann mir keiner nehmen“

CELLE. Nach der Schule war Tembiye Yavsan neugierig auf verschiedene Lebensbereiche: Die heute 43-Jährige ist in Celle aufgewachsen und hat schon bei Telefunken, bei der Post, bei Wasa und in der Gastronomie gearbeitet – um nur einige Stationen aufzuzählen. Außerdem hat sie sich ehrenamtlich in der Frauen- und Jugendarbeit engagiert. Irgendwann hatte sie genug davon, als unqualifizierte Kraft überall einsetzbar zu sein und dafür nicht richtig bezahlt zu werden.

Doch war es mit Anfang 20 nicht zu spät, alles mühsam über den zweiten Bildungsweg nachzuholen? Eine Freundin gab nicht nach, pickte immer wieder in die Wunde und bestärkte sie. Erst holte Yavsan die Hochschulreife nach und dann das Studium der Sozialpädagogik. Heute ist die dreifache Mutter Schulsozialarbeiterin an der Grundschule Waldweg und entwickelt Regeln für einen besseren Umgang von Schülern, Lehrern und Eltern. Mutter zu sein, bereichert ihren Beruf: „So kann ich mehr Empathie entwickeln für die Kinder“, erzählt die Ezidin.

Ihre Mutter selbst war Analphabetin. In den kleinen Dörfern ihrer Heimat war nur die Viehzucht zum Überleben wichtig. Die Großmütter und Tanten haben an die Mädchen weitergegeben, dass sie als Mütter und Ehefrauen genug zu tun hätten. Für sie als Frau ist es jetzt wichtig, sich im Beruf zu verwirklichen: „Das durch Bildung Erreichte, kann einem keiner nehmen. Damit können Frauen auf eigenen Beinen stehen.“ Ihre Mehrsprachigkeit ist für sie an der Schule ein großer Vorteil. „Damit habe ich einen leichten Zugang zu den Eltern mit Migrationshintergrund.“ Schließlich will auch anderen die Motivation geben, dass es mit dem Wunschberuf klappen kann.

Suzan Yilmaz: "Vor meinem Gott sind die Geschlechter gleichgestellt"

CELLE. "Wenn Frauen aufgeklärt sind, sind alle gut aufgeklärt", sagt Suzan Yilmaz. Als Mütter haben Frauen eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft und tragen viel Verantwortung. "Nur Frauen können Multitasking, sie denken immer für andere mit", sagt die 44-Jährige. Sie ist pädagogische Fachkraft und koordiniert das Gesundheitsprojekt mit Migranten für Migranten (kurz MiMi) in Celle.

Sie bildet die Mentorinnen aus, die in Frauengruppen in ihrer Muttersprache etwa über Kinderkrankheiten oder Brustkrebs aufklären. Die Frauen stammen zum Beispiel aus der Türkei, Polen oder Russland. Bei Referaten vor allen anderen stärken die Frauen ihr Selbstbewusstsein - gerade dann, wenn sie viele Jahre zu Hause bei den Kindern verbracht haben. So bedanken sich viele nach ihrem Vortrag bei Yilmaz mit den Worten: "Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich etwas kann." Das gewonnene Selbstvertrauen sei den Frauen wichtiger als die Bezahlung. Yilmaz selbst hat drei "fast erwachsene" Kinder. Ganz bewusst hat sie sich für das Tragen des Kopftuchs entschieden: "Es fehlt mir etwas, wenn ich es abnehme.

Es ist ein Teil meiner Persönlichkeit." Für andere mag es ein Zeichen der Unterdrückung sein. Doch sagt sie: "Mein Mann würde es nicht belasten, wenn ich es abnehmen würde." Für sie ist eine Art Schutz von etwas ganz besonderem, etwas Wertvollem. Yilmaz berichtet von vielen Studentinnen, die unterqualifiziert bleiben, weil sie ihr Kopftuch nicht abnehmen wollen. Ihr als Frau ist Religionstoleranz wichtig und "dass die Entscheidung für das Kopftuch ganz von einem selbst kommt." Ein Mann oder der Vater dürfe sich nicht über ihren Schöpfer stellen, sagt sie. "Vor meinem Gott sind die Geschlechter gleichgestellt."

Nadine Gottselig: „Ich habe das Helfersyndrom“

WINSEN. Nadine Gottselig liebt ihren Beruf als Altenpflegerin trotz der schwierigen Arbeitszeiten. „Im Familienbetrieb helfen wir uns gegenseitig“, erzählt die 35-Jährige. Entweder springen die Kolleginnen ein und übernehmen Schichten oder sie betreuen ihre fünfjährige Tochter. In der ambulanten Pflege trifft sie tagtäglich auf andere Menschen und betreut ihre Patienten in ihrem gewohnten Umfeld. „Das ist nicht so eine Fließbandarbeit wie in manchen Altenheimen. Hier kann ich meine ganze Aufmerksamkeit einer Person widmen.“ Schließlich ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Patienten in ihrer gewohnten Umgebung besser genesen.

Gottselig hat, wie sie selbst sagt, das „Helfersyndrom.“ Daher ist der Umgang mit Sterbenden für sie eine dankbare Aufgabe. „Was hier von den Betroffenen und den Familien zurückkommt, ist etwas ganz besonderes“, erklärt sie. Dafür nimmt die Alleinerziehende die geforderte Flexibilität und mitunter finanzielle Einbußen in Kauf. Leider ist die Ganztagsbetreuung im ländlichen Bereich nicht so gut auf ihre beruflichen Erfordernisse eingestellt. „Die Kita macht frühestens um sieben Uhr auf. Bei einer Frühschicht bin ich dann schon seit 5.45 Uhr auf den Beinen. Um 17 Uhr schließt die Kita, da bin ich in der Spätschicht noch bis 21 Uhr unterwegs.“ Gottselig arbeitet in einer schwierigen Branche, aus der viele nach wenigen Jahren aussteigen. Viele Kolleginnen erkranken an Burnout. Gottselig ist daher ein Ausgleich zur Arbeit wichtig. „Für mich ist das meine Tochter.“

Selbst angesichts des demografischen Wandels wird die große Verantwortung in Pflegeberufen gesellschaftlich und finanziell nicht genug gewürdigt, findet auch die Gleichstellungsbeauftragte Rosemarie Lüters. Wegen der schlechten Bezahlung ist die Branche für viele Männer nicht attraktiv. Doch sie könnten schwere Patienten besser aufrichten. „Mehr Männer wären auch eine Erleichterung für meinen Rücken“, sagt Gottselig. Nicht nur handwerkliche Probleme könnten Männer besser lösen, vielleicht könnten sie auch den "Zickenstreit" schlichten, den Gottselig in einigen Heimen erlebt hat.

Von Dagny Rößler